Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

„Der Herzschlag“ von Patricia Radda


Der Herzschlag 

 
 
Der Test ist positiv. Ich starre an die Wand. Wow. Ich bin schwanger. Ich bekomme ein Baby.
„Verena, du bist schwanger.“ Das sympathische Gesicht meiner Frauenärztin taucht vor mir auf. „Ja, ich weiß.“, flüstere ich. „Du scheinst weder entsetzt noch glücklich zu sein. Also, viele …Mädchen in deinem Alter…verdrängen die Schwangerschaft, sie versuchen, alles zu ignorieren, was damit zusammenhängt.“, versucht mich die etwa vierzigjährige Frau mit den knallroten Haaren aus meinen Gedanken zu reißen. „So bin ich nicht.“, höre ich mich sagen. Meine Stimme klingt sehr fest und sehr selbstsicher. „Ich werde ein Baby bekommen. Ich weiß es. Ich …es ist… okay.“
 
Ich gehe die Straße entlang, ich könnte sie mit verbundenen Augen gehen, ich kenne sie gut. Heute ist sie anders. Heute ist alles anders. Alles ist fremd. Ich taste in meiner Jackentasche nach meinem Handy. Soll ich es jemandem erzählen? Wen geht es was an? Wer kann mir helfen? Denn ich brauche Hilfe, ich weiß es. Meine einzige Freundin hasst telefonieren. Wir beschränken uns auf SMS. Soll ich es etwa meiner Mutter erzählen? Sie hat früher immer gesagt: „Bevor du ein Baby in den Mistkübel wirfst, bringst du es zu mir.“ Meint sie das ernst? Will sie mir helfen? Kann sie mir helfen?
Schließlich komme ich nach Hause. Ich ziehe im Zeitlupentempo meine Schuhe aus, gehe ganz langsam die Stufen zu meinem Zimmer hinauf und dann schlafe ich ein. Mein Bauch fühlt sich komisch an. Und mein Kopf auch. Ich muss aufwachen. Ich muss leben und lebendig sein, ich muss nachdenken, damit ich leben kann und damit auch …mein Baby lebt. Ich muss Geld verdienen, irgendwoher muss das Geld kommen.
Meine Eltern haben kein Geld.          Ich hole eine Zeitung. In allen Jobs braucht man Erfahrung, die habe ich nicht. In allen Jobs braucht man eine abgeschlossene Ausbildung, die habe ich nicht. Irgendwann schlafe ich wieder ein.
Der Wecker klingelt, ich dusche. Mein Körper sieht nicht anders aus als sonst. Ich streichle meinen Bauch. Doch, er fühlt sich ganz anders an. Ich greife ganz automatisch zu meiner Bürste, meiner Creme. Ich will eine der kleinen blassrosa Pillen herausdrücken, muss dann aber lächeln. Keine komischen Hormone mehr.
 
„Ich bin schwanger.“, flüstere ich. Mark sieht mich an, beugt leicht den Kopf vor, hofft, er hat sich verhört. „Ich dachte, du nimmst die Pille.“, wirft er mir vor. „Ja. Manchmal funktioniert´s halt nicht.“, sage ich. „Kann man doch wegmachen, oder?“ Er starrt auf den Boden. „Wegmachen? Es ist ein Baby. Ein echter Mensch. Ich will es haben.“ Ich berühre seinen Arm. Er zuckt zusammen, meine Finger sind eiskalt. „Wieso sagst du mir solche Dinge? Ich bin nicht der Vater, ich will das alles nicht wissen!“ Er schüttelt meine Hand ab und wehrt sich wie ein kleines Kind. „Aber… nur du kannst der Vater sein. Ich hab ja nur mit dir geschlafen.“ Er wird wütend, ich sehe es in seinen Augen. „Ich gehe jetzt. Wenn du reden willst…“ Ich gehe und rede. Die Stufen sind ewig lange heute. Jemand kommt mir nach. Es ist Sebastian, er wohnt mit Mark zusammen. „Hey.“, sage ich. „Hi. Ich …er wird dir helfen, ich kriege ihn schon dazu.“ Dann verschwindet er wieder nach oben. Es ist mir egal.
Ich gehe die Straße entlang, plötzlich rennt mich jemand um. Ich versuche mich irgendwo festzuhalten, doch es ist Nichts da, woran man sich festhalten kann, also falle ich auf die Straße. Da kommt ein Auto, steh auf! Das Auto bremst schneller, als ich reagieren kann.
Der Fahrer fährt mich ins Krankenhaus. Er ist ausgeflippt, weil ich am Bein blute, und mein Arm ist auch aufgeschürft. Ich denke, okay, alles ist okay. Macht doch mit mir, was ihr wollt.
 
Eine verrückte Frau kommt in mein Zimmer; alles an ihr ist verrückt: die Art, wie sie sich bewegt, sich anzieht, redet, ihre Haare, Finger, Augen- alles sieht leicht verrückt aus.
„Ich würde gerne auch noch eine gynäkologische Untersuchung machen.“, sagt sie.
„Ich war aber erst bei meiner Frauenärztin, sie meint es ist alles in Ordnung.“
„Ja, aber das war vor dem Unfall, nicht wahr?“
„Ja, aber das Auto hat mir nichts getan, ich bin gestoßen worden und lag schon auf der Straße als das Auto kam.“
„Ich weiß, schon klar, aber wir wollen trotzdem auf Nummer sicher gehen.“ Sie glaubt mir nicht.
 
Ich versuche mich zu entspannen. „Warum machen Sie so ein Gesicht?“, frage ich plötzlich. Sie schaut besorgt drein. „Verena, es tut mir Leid, aber ich… es gibt keinen Herzschlag. Seit wann bist du denn schwanger?“ Was soll das heißen? Ich rechne. „Seit etwa sechs Wochen. Wieso?“
„Verena, dieses Baby lebt nicht mehr. Es ist tot.“ Nein, nein. Nein. Ich weiß, dass es lebt. Ich weiß es. Tränen rinnen über mein Gesicht. Ich halte sie nicht auf.
 
Erst eine Woche später hat der Killer Zeit. Der Killer, so nenne ich den Typ, der das Baby aus mir herausnehmen wird. Er wird es wegmachen. Das Krankenhaus hat ihn empfohlen. Wie kann man bei so etwas empfohlen werden, das ist einfach nur schrecklich.
Ich gehe dorthin und spüre, es ist falsch. Mein Baby lebt. Mein Baby ist tot. Mein Baby ist tot. Ich sage es immer wieder in meinem Kopf, obwohl ich weiß, dass es falsch ist. Ich will mein Baby.
 
Herein kommt ein komischer Typ, ein paar Jahre älter als ich selbst. Ich kann nicht verhindern, dass meine Augenbrauen nach oben wandern. Der Typ ist kein Arzt.
„Ich mache jetzt noch eine Untersuchung, und in ein paar Minuten kommt der Herr Doktor und dann geht’s los, okay?“
Ich nicke nur.
Der Typ schaut plötzlich verwirrt auf.
„Hier steht, dass das Baby tot ist, aber es lebt.“, murmelt er, eher zu sich selbst.
WAS?
„Hör zu, hier ist der Herzschlag, hörst du ihn? Er ist da. Dein Baby lebt.“ Nein. Sie haben doch gesagt, es ist tot, im Krankenhaus, sie haben es gesagt!
Er ruft nach jemanden. Sie wirbeln um mich herum. Ich weine. Sie untersuchen mich und ich weine. Sie rufen noch einen Arzt dazu.
„Es war doch tot. Wie geht das denn, es war doch tot?“, flüstere ich.
„Okay, ich beantworte deine Fragen, ja? Beruhige dich. Es ist alles in Ordnung.“, ein Mann, der sicher älter ist als meine Frauenärztin, nimmt meine Hand. Normalerweise ist das unangenehm, bei ihm nicht.
„Also, es ist so. Der Herzschlag eines Babys entwickelt sich in den ersten sechs Wochen der Schwangerschaft. Du bist jetzt vermutlich in der siebenten Woche, richtig? Womöglich hatte dein Baby noch keinen Herzschlag, als du im Krankenhaus warst. Wahrscheinlich sogar, denn sonst hätten sie …“
„Sie konnten noch gar keinen Herzschlag feststellen? Da war noch nichts da? Wieso sagen sie denn so was? Die im Krankenhaus müssen sich bei so etwas doch sicher sein. Mein Baby lebt.“, stottere ich unter Tränen. „Mein Baby lebt.“
„Ja.“, erwidert er leise. „Hör dir doch den wunderbaren Herzschlag an!“
Ich höre und weine und lache. Mein Baby lebt.-© Patricia Radda
 
Nach einer wahren Begebenheit
(geschrieben am 31. Okt. 2006)
Platzierung: 1. Preis, Kategorie: Höhere Schulen/Kurzprosa, Wettbewerb: Hainburger Jugendautorenwettbewerb
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Oktober 2006 von in Kurzgeschichten und getaggt mit , , , .
%d Bloggern gefällt das: