Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

„Es“ von Patricia Radda


Es

 
2001. Er berührt mich mit der Hand. Ein heißer Schauer läuft mir über den Rücken. Ich habe eines meiner weiten Lieblings-T- Shirts an, eine Gänsehaut überzieht plötzlich meine Unterarme und meine Hände sind eiskalt. Meine Lippen sind ganz trocken und ich kann ihn nicht ansehen. Ich spüre seinen Atem nahe bei meinem Gesicht- so nahe mag ich ihn nicht bei mir haben.
Ich starre weiter auf mein Englischvokabelheft, das ich ihm vorbeigebracht habe.
Er streichelt meine Wange, und ich denke an Simmy. Der war so anders. So einfach und niemals fordernd.
Daniel beugt sich zu mir vor und küsst mich auf meine trockenen Lippen. Seine Zunge tastet sich vor, sie ist unangenehm, irgendwie zu groß und zu nass und zu nahe, viel zu nahe an meiner Zunge. Seine Zunge ist jetzt wirklich an meiner Zunge, aber sie macht nichts mehr. Sie liegt einfach nur auf meiner Zunge drauf und ich denke mir: Okay, das ist also küssen. Wie eklig. Er hat das wohl noch nicht oft gemacht. Ich bin elf Jahre alt, ich bin noch nie geküsst worden. Aber gut, es ist kein Verlust, so etwas nicht kennen zu lernen.
Ich bin froh, als er wieder aufhört und Luft holt. Aber es ist noch nicht vorbei.
Er legt seine Hände auf meine Schultern und dreht mich zu sich. „Ich gehe jetzt besser.“, flüstere ich. „Des haßt: I geh hiezan bessa.“, flüstert er zurück und packt mich fester bei den Schultern. „Du gehst nit.“
„Aber…“
Ich seinen Augen sehe ich etwas, was ich noch nie gesehen habe. Er ist so ernst und drohend. Er küsst mich noch mal, schließt seine unheimlichen Augen dabei. Seine Hände gleiten unter mein T-Shirt, ich habe keinen BH an, obwohl ich zwei Stück besitze, einen schwarzen und einen weißen.
„Hör auf!“, ich schrecke empört/verstört zurück und stoße seine Hände von meinem Busen weg.
„Nein!“, schreit er mich an. „Ich höre nicht auf. Aber du bist leise! Halt die Klappe!“
Er zieht mir die Hose aus, und sich selbst auch. Ich stand halbnackt vor ihm und hab mich nicht gewehrt. Mir rannen die Tränen hinunter und ich dachte immer wieder: „Nein, nein, nein!“
Seine Hände griffen nach mir, er fuhr über meinen Bauch und meinen Hintern und plötzlich wusste ich, wie falsch es war, alles was er tat, war so falsch!
Ich stieß seine Hände weg, er schlug mich mitten ins Gesicht.
Fassungslos blieb ich stehen, da presste er mich an sich und ich fühlte seinen Penis.
Ich erschrak fürchterlich, so wie wenn man mit verbundenen Augen irgendwo hineingreift und etwas vollkommen Grausiges fühlt, eine klebrige Gummispinne oder diesen quietschgrünen Schleim.
Ich schrie also erschrocken auf, schlug um mich und stieß ihn so fest wie möglich von mir weg. Ich bückte mich nach meiner dünnen Stoffhose, doch er war schneller und warf sie aus dem Fenster. Er drückte mich auf sein Bett und trommelte mit den Fäusten auf meinen Bauch und meine Beine. Ich weinte verkrampft und flehend, stieß ihn immer wieder weg. Mein ganzer Körper tat weh und ich wusste, dass er nicht aufhören würde, mich zu schlagen, bis ich tot oder er zufrieden wäre. Ich ramme mit voller Wucht mein Bein in seinen Bauch. Er taumelt ein paar Schritte zurück, knallt mit dem Kopf gegen seinen Kleiderkasten. Ich schlüpfe in meine Unterhose und springe aus dem Fenster. Gott sei Dank ist das Haus in einen Hügel gebaut und das Fenster des Erdgeschosses ist höchstens einen Meter über dem Boden. Ich ziehe schnell meine Hose an und renne weg. Lange kann ich nicht rennen, schon bei der Ortstafel, ca. 300m weiter, wollen meine Beine nicht mehr. Für den Weg, für den man normalerweise eine Viertelstunde oder zwanzig Minuten braucht, nehme ich mir heute eine dreiviertel Stunde Zeit. Ich komme nach Hause, lege mich ins Bett und weine. Meinen Eltern und meinen Geschwistern fällt es nicht auf.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich von der Schule nach Hause komme und weine.
 
2005. Ich stehe beim Busbahnhof, der Bus hat wieder einmal Verspätung. Immer, wenn es regnet. Ich höre ein komisches Geräusch, schaue hin und drehe mich angeekelt wieder weg. Der Obdachlose, der hier immer herumhängt, uriniert keine zwei Meter weit weg von mir. Ich sehe also in die andere Richtung. Mein ganzer Körper scheint zu zittern, als ich ihn sehe. Oder war es nur eine Einbildung? Daniel steht da drüben, bei der Trafik und holt sich Zigaretten aus dem Automaten. Ich starre hin. Jahrelang habe ich nichts von ihm gehört. Ich bin zu meiner Omi zurück nach Wien gezogen, bald nach der Geschichte damals, ich habe zwar niemandem davon erzählt, aber alles schien besser zu werden. Doch, ist eindeutig er. Mein Exfreund kommt um die Ecke, noch nie war ich so froh, ihn zu sehen. „Kennst du schon die neue CD von La vela puerca?“, frage ich ihn. Er bleibt verwirrt stehen, nickt dann. Merkt trotz dem hohen Trottelgehalt in seinem Hirn, dass ich panisch bin. „Was ist los?“, fragt er. Es interessiert ihn nicht, denke ich, erzähle es ihm aber trotzdem. Er kennt die Geschichte schon, halb. Es gibt Gerüchte. Der Bus kommt, ich sehe wie Daniel einsteigt, ich drehe mich um, gehe in die Bibliothek. Sehe, wie mein Exfreund in den anderen Bus einsteigt. Denke, Scheiße, jetzt muss ich wieder eineinhalb Stunden warten. Die Bibliothek schließt um vier, also stelle ich mich wieder in den Regen. Es ist warm, es macht nichts. „Versteckst di vor mia?“, höre ich eine Stimme. Scheiße. „Lass mich in Ruhe.“ Er grinst, er stinkt nach Zigaretten und er grinst, als wäre er der Sieger. „Des haßt: Loss mi in da Rua. Lern redn, Scheiß-Wienerin.“ Ich spüre, wie mir Tränen die Augen ganz heiß werden lassen, drehe mich weg. Darauf hat er gewartet. Er packt mich am Arm, drängt mich, weiter zu gehen, immer weiter. Unter dem Dach zückt er ein Messer und drückt mich gegen die Wand. Was soll ich tun? Lass mich los, geh weg. Ich starre auf einen Fleck, an einer Stelle des Hauses ist der Verputz abgebröckelt. Tränen rinnen mein Gesicht hinunter. Er hält mein Kinn zwischen seinen Fingern.  „Lass sie los, du arme Sau.“, sagt eine Stimme von rechts. Ich bewege mich nicht, nur die Augen. Das ist dieser Typ aus meiner Klasse, über zwei Meter groß, ich habe noch keine zwei Worte mit ihm gesprochen. Daniel lässt mich los, ich renne.
 
2007. Es ist komisch, hier zu gehen. Es ist komisch, überhaupt daran zu denken. Und jetzt geh ich zu ihm. Es ist verrückt. Ich möchte weg von hier. Ich denke
         Wenn ich eine Weile ganz leise gehe, und mich dann umdrehe und zurückgehe, dann merkts vielleicht niemand.
 
Doch die Ärztin bleibt schon stehen. Sie hat Mitleid im Gesicht. Schlecht überspielten Hochmut auch. Mitleid ist unangebracht. Sie sagt
Tja. Es tut mir leid. Wir konnten nichts mehr für ihn tun. Aber er hat fast nicht gelitten, es ging relativ schnell.
Ich schweige. Seine Mutter neben mir, sie schweigt auch. Also öffnet die Ärztin die Tür. Zu seinem Zimmer. Ich denke
         Da liegt eine Leiche drin, also lass doch um Himmels Willen die Tür zu!
 Mist. Er hat nicht gelitten. Er hat sich tatsächlich einfach aus dieser grausamen Welt weggeschafft. Er hat mich nicht mitgenommen.
 
Ich starre ihn an. Ich habe meine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle. Ich fühle Schadenfreude. Neben mir sinkt seine Mutter zusammen. Ich erschrecke vor meinen Gedanken.
Würde ich um so einen Sohn weinen?
 
Mir wird kalt, die Temperatur hier drinnen ist nicht gerade warm. Ich sehe auf ihn herunter. Er hat aufgequollene Augen und ein blutverschmiertes Gesicht. An den Händen trocknet das Blut bereits.
Daniel, warum hast du nicht gelitten?
Daniel, warum hast du mich nicht mitgenommen?
Warum hast du dich einfach erstochen?
Das tut doch sauweh, oder?
 
Aber er gibt mir keine Antwort. So wie er mir nie geantwortet hat. Ich hasse ihn. Mit all meiner Kraft und Liebe. Ich wische der Mutter die Tränen mit meinem letzten frischen Taschentuch ab, sage
Alles wird wieder besser. Irgendwann.
Sie sieht mich an, nickt zuversichtlich, schnieft noch einmal und sagt
Danke, dass du gekommen bist. Versprich mir, dass du dich nicht umbringst, ja?
Ich verspreche es ihr, sie geht. Ich bin allein. Ich habe Angst. Als er noch lebte, wusste ich wovor ich Angst hatte. Jetzt weiß ich es nicht mehr. Ich gehe los. Richtung Eingang. Mia Elfe steht dort. Viel zu dünne Beine, und ewig lang sind sie auch. Sie ist eine gute Freundin von mir, also meine Einzige. Außer dem hat sie zwei Zentimeter lange Haare, die sie alle paar Monate anders färbt. Sie sieht gut aus und das weiß sie. Sie fragt
Na, geht’s?
Ich sage nichts. Sie fragt
Wars so schlimm?
Ich schüttle den Kopf. Sie sagt nichts, ich weiß, sie will, dass ich rede. Ich will nicht reden.
Ich geh zum Eingang. Wir wollen ja hinaus. Ein Mann kommt neben mir zu stehen. Er fragt
Du hast den Selbstmörder gekannt, oder?
Tut mir echt Leid.
Weißt du mehr darüber?
Ich weiß, es ist ein schlechter Zeitpunkt.
Journalisten dürfen nicht wählerisch sein.
Hier ist mein Ausweis.
Man muss es bei jedem probieren.
Er fuchtelt mit einem kleinen rechteckigen Ding vor meinen Augen herum. Wer soll denn da was erkennen? Von seinem ganzen Monolog kriege ich nur eines mit: Es tut ihm Leid. Ich stelle fest:
Sie wissen ja gar nichts.
Er nickt. Schaut mich fragend an. Er sagt:
Deshalb frag ich ja.
Ich starre ihn an. Mia Elfe legt die Arme um mich. Ich würde mich gerne fallen lassen. Aber wie sieht das denn aus?
Wenn es dir Leid tut, ist es deine Schuld. Dieses Arschloch hat mich vergewaltigt.
Okay? Weißt du was das heißt?
Ich hoffe die ganze Zeit,
er hat sich deshalb getötet.
Aus schlechtem Gewissen.
Aber so ein Typ hat kein
schlechtes Gewissen.
Er hat gar keines!
Mia Elfe bringt mich nach Hause. Sie fährt gleich weiter. Ich lege mich ins Bett und weine. Meinen Eltern und meinen Geschwistern fällt es nicht auf.
Es ist wird das letzte Mal sein, dass ich von der Schule nach Hause komme und weine. –  © Patricia Radda
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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. Dezember 2008 von in Kurzgeschichten und getaggt mit , .
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