Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

„Les Misérables“ im Stadttheater Klagenfurt


Wie ich bereits vor einigen Monaten herausgefunden habe, kann auch Theater süchtig machen. Wäre auch nicht schlimm, wenn es nicht so viel kosten würde. Meine große Begabung scheint leider zu sein, dass ich andere Leute damit anstecken kann. Meine Schwestern, zum Beispiel. Nachdem ich mit meiner Schwester Victoria Les Misérables gleich nach meinem Geburtstag gesehen hatte, waren wir beide ziemlich elektrisiert. Kein Wunder, meine Eltern schenkten mir Karten in der ersten Reihe. Wir mussten uns nur vorbeugen, schon konnten wir das Orchester begutachten. Wenn ich die Hand ausgestreckt hätte, hätte ich dem Dirigenten die Schweißtropfen abwischen können.

Das einzige Minus, das ich finden konnte, waren die Reime. Heilige, wenn ich das machen würde, würde mann mich aufknüpfen. Reim dich oder stirb hätte nicht auffälliger sein können, was natürlich gar nichts mit der Aufführung zu tun hat, sondern eher mit der Übersetzung. Naja, was soll man machen?

Wie immer, musste ich mir natürlich irgendwie die Musik beschaffen. Was sich bei der Dreigroschenoper als unmöglich herausstellte (die Aufnahmen sind aus den 1930er Jahren, und keine Musicalstimmen, deshalb klingt das im Allgemeinen ziemlich seltsam), ging hier ganz leicht. Die CD von 1989 klingt recht ähnlich, und dank itunes hatte ich das ganze am nächsten Tag am Computer.

Meine andere Schwester Sabrina spielt Querflöte, singt/sang in einigen Chören und besuchte einige Jahre ein Musikgymnasium. Sie ist also eine Musikerin. Sie hört falsche Töne, richtige Töne, kann Instrumente benennen, wenn sie eine Viertelsekunde zugehört hat; und zwar Instrumente, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass sie überhaupt schon erfunden worden sind.

Jedenfalls verzieht sie bei einigen CDs das Gesicht, weil eine Gitarre oder eine Stimme den Ton nicht trifft. Mich zu beeindrucken ist nicht weiter schwer, aber ihr zu gefallen, schaffen nicht alle.

Mir ist beim ersten Mal LesMis anschauen nur Javerts (also Erwin Windeggers) Stimme aufgefallen. Wow. Damit war Sabrina soweit einverstanden. Erst als Jean Valjean (folglich Daniel Prohaska) „Bringt ihn heim“ auf der Barrikade singt, zogen sich ihre Augenbrauen hinauf und sie drehte sich verblüfft zu mir um. Wie hoch kann ein Mann singen? Natürlich hat Sabrina trotz ihres Erstaunens ihren Humor nicht verloren: sie winkte mich zu sich und flüsterte in mein Ohr: „So hoch kommst nicht rauf, hmmm?“ Nein, natürlich nicht. Meine Güte, kann der Typ singen!

Cosette (Martina Dorothea Rumpf) mit ihrer gellenden Opernstimme fiel uns seltsamerweise nicht weiter auf. Viel Lob hatte sie aber auch wieder für Enjolras (Otto Jaus) übrig.

Marius (Jesper Tydén) und Eponine (Ina Trabesinger) sind einfach da und brav, ähnlich wie Cosette: großartige Stimmen, ja, aber sonst einfach nicht auffallend.

Die komischste Figur auf der Bühne, war wieder einmal Dagmar Hellberg, die, wie auch schon in der Dreigroschenoper, die Lacher auf ihrer Seite hatte, trotz (gerade weil) die Figur (diesmal die Madame Thénardier) einfach königlich witzig ist.

Am beeindrucktesten sind am ganzen Stück die Massenszenen. Während man bei „Leichte Mädels“ leicht geschockt nicht weiß, wo man zuerst hinsehen soll und man bei „Ich bin Herr im Haus“ ständig lachen muss, hat man bei „Morgen schon“ den Drang aufzustehen, und alle zur Revolution aufzurufen.

Die Zeile „Zu lieben einen Menschen heißt das Antlitz Gottes sehn“ gibt einem dann einen Hoffnungsschimmer, den man nach den ganzen Toten eigentlich nicht zu spüren gewagt hätte. Alles in allem, wundervoll!

Der Vorteil, wenn man ein Stück öfter sieht, ist, dass man Unterschiede erkennt. Zum Beispiel ging Gavroche einmal der Text aus und es sang nur noch lalala. Was auch beachtenswert ist, wenn man bedenkt, dass die Gedanken dann ja eigentlich nur von „Scheiße, Text?!“ beherrscht werden.  Übergangsloses LaLaLa ist also nicht ganz ohne. Man kann nur hoffen, dass im Café nicht wieder ein Stuhl umfällt, auf den jemand draufsteigen soll.

Meine Lieblingslieder hab ich wieder eingetextet:

Rot und Schwarz  : http://patriciaradda.wordpress.com/2009/07/24/lyrics-deutsch-rot-und-schwarz-aus-les-miserables/

Schaut her: http://patriciaradda.wordpress.com/2009/07/24/lyrics-deutsch-schaut-her-aus-les-miserables/ 

Das Lied des Volkes : http://patriciaradda.wordpress.com/2009/07/24/lyrics-deutschdas-lied-des-volkes-aus-les-miserables/

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