Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

„Fehlgeburt“ von Patricia Radda


Es kam ihm so vor, als würde er nun schon minutenlang dieselbe Stelle am Tellerrand schrubben. Ich hätte es gleich nach dem Mittagessen machen müssen, ärgerte er sich. Er hörte die Eingangstüre auf- und dann wieder zugehen. Sie war wieder da. Er lauschte kurz, ob sie zu ihm in die Küche kommen würde. Er stellte sich vor, dass sie einfach zu ihm kam, ihn von hinten umarmte, sich an ihn presste. Und dann würde er sich herumdrehen und sie würde ihn küssen. So wie früher.
 
Sie kam nicht in die Küche. Er hörte, wie ihre Schritte sich entfernten, sie ging hinauf. Vielleicht duschte sie. Er folgte ihr in Gedanken. Ich will mit dir reden, dachte er. Aber er atmete nur durch und fühlte, wie sich seine Brust und sein Bauch dabei verkrampften. Wenn er schon gekocht hätte, dann könnte er sie jetzt zum Essen rufen. Aber er hatte bis vorhin am Computer gesessen und beim Arbeiten die Zeit übersehen. Er kämpfte nun mit dem angetrockneten Gulasch im Topf. Verdammt.
 
Eigentlich bewunderte er sie. Sie hatte den größeren Verlust erlitten, oder? Trotzdem stand sie jeden Tag auf und ging zur Arbeit. Sie arbeitete den halben Tag und dann ging sie am späten Nachmittag die Kids im Studio trainieren. Wie viel Überwindung es sie kosten musste, mit kleinen Kindern herumzulaufen! Warum tat sie sich das eigentlich an? Sogar ihr Chef hatte ihr angeboten, eine Pause einzulegen. Sie hatte abgelehnt. Jeden Abend lag sie völlig erschöpft im Bett, tat so, als ob sie schlief, und er spürte ihren Schmerz. Sie konnte auch nicht schlafen. Wenn er in der Nacht wach lag, hörte er ihren unruhigen Atem, ihr unterdrücktes Schluchzen. Er versuchte still zu liegen, denn er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, wenn sie wusste, dass er auch nicht schlief.
 
Als er das Wasser abdrehte, hörte er es. Boxhandschuhe auf Sandsack. Wie sehr sie damals darüber gestritten hatten, dass sie den Platz, der eigentlich für ein Wohnzimmer vorgesehen war, eine Couch vielleicht oder einen Sessel wenigstens, als Trainingsraum benutzen wollte. So sinnlos, so winzig. Alle Auseinandersetzungen schienen ihm unwichtig. Er brauchte einige Zeit, bis er realisierte, dass die Schläge aus dem Wohnzimmer zu wütend klangen. Es hörte sich an, als würde sie gegen Wladimir Klitschko kämpfen müssen und nicht gegen einen Sandsack- mit aller Wut, mit aller Kraft. Er trocknete seine Hände ab, wollte Zeit schinden.
 
Er tappte langsam über den kalten Fließenboden. Es tat weh, sie so zu sehen. Ihr Atem ging verkrampft und stoßweise. Sie keuchte verzweifelt auf. Nach ein paar kraftlosen letzten Schlägen umarmte sie schließlich den Boxsack. Ein gequältes Stöhnen verwandelte sich in Aufschluchzen. Er wollte zu ihr, nur ein paar Schritte und er könnte sie in den Arm nehmen. Er könnte ihr sagen, dass er sie liebte und für sie da war und dass alles okay werden würde. Alles, was in seinem Kopf wie eine Lüge klang. Hilflos lehnte er sich gegen den Türrahmen. Er fühlte sich schwach.
 
Sie lockerte den Griff um den Sandsack und ließ sich Zentimeter für Zentimeter zu Boden gleiten. Eingerollt wie ein Embryo im Mutterleib lag sie da. Verloren auf den kalten Fließen. Ihr zarter Körper wurde geschüttelt von ihrem heftigen Weinen. Er kannte ihr Weinen, sie weinte ziemlich oft. Wenn sie unzufrieden oder wütend war. Noch nie hatte es so verletzt geklungen. Tief und heiser- direkt aus dem Herzen. Sein eigener Schmerz schoss in sein Bewusstsein. Eine Sekunde lang verschwamm das Bild, aber er blinzelte die Träne weg. Stolpernd machte er die paar Schritte, die ihn noch von ihrem Körper trennten. Er kniete sich neben sie, umarmte sie und hielt sie fest. Und die Tränen kamen. Er legte sich neben sie auf den kalten Fließenboden. Wann hab ich zum letzten Mal geweint?, fragte er sich. Warum kann ich nicht einfach etwas sagen, das sie glücklich macht? Er suchte nicht nach Antworten. Die Fragen zogen vorbei. Er hielt sie fest an sich gedrückt. Sie weinte verzweifelt und er leise.
 
„He“, flüsterte er, als keine Tränen mehr kamen und von ihr nur noch seltene, trockene Schluchzer zu hören waren. „He“, flüsterte sie zurück. Sie zog durch die Nase auf und drehte sich zu ihm herum. Seine Schulter tat ihm weh, vom langen Stillliegen auf dem harten Boden.
Sie sah ihn herausfordernd an. „Ich will nicht so tief da drinnen stecken.“ Ihre Stimme war heiser und leise. „Ich will raus hier“, zischte sie traurig, wütend.
„Ich stecke auch hier drinnen“, erinnerte er sie, „und ich kann auch nicht raus.“
Für eine ewige Sekunde schloss sie die Augen. „Ich habe dich vergessen.“
Etwas in ihm zuckte zusammen. Vielleicht war es sein Herz.
„Lass uns ein anderes Baby machen“, flüsterte er. Warum? Warum hab ich das nur gesagt?, fragte er sich. Was würde passieren, wenn ihr junger, zarter Körper wieder zu schwach wäre, um ein Baby festzuhalten? Dann würde alles noch schlimmer werden. Er hatte Angst. Angst um sie. Es war auch ein komischer Gedanke, immer für ein Baby da sein zu müssen. Vielleicht sollte es einfach noch nicht sein.
 
Sie antwortete ihm nicht. Sie zog nur wieder durch die Nase auf und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Er sah etwas Unbestimmtes in ihren Augen aufblitzen. Vielleicht war es Hoffnung.
 
Sie schloss die Augen und küsste ihn; tastend, suchend. Es fühlte sich gut an. Als wäre sie glücklich. Er wollte alles, was sie wollte. Er wollte, dass sie glücklich war. Er zog sie an sich, ganz nah, spürte sie endlich wieder. Spürte ihr Bein an seiner Hüfte, ihre Hände an seiner Schulter, kalt vom Fliesenboden. War das Glück?
Sie war wieder da, so wie er sie kannte, sie fühlte sich an wie immer, ihre langen Haare fielen auf sein Gesicht, er wollte sie sehen, sie sah aus wie immer, er küsste ihren Busen, sie schmeckte wie immer, sie stöhnte auf, sie hörte sich an wie immer. Glück! Das ist Glück, das ganz normale, wie immer, Glück und Zufriedenheit und Wärme. So tief. So weit weg. Tränen. Heiße Tränen.
 
Sie hatte die Augen zu und bemerkte seine Tränen trotzdem. Sie umarmte ihn, und ließ ihn nicht mehr los. Er lag einfach da. In ihren Armen, ganz nah, so unbequem, so schön. Und sie küsste ihn wieder.-©2009Patricia Radda
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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. Oktober 2009 von in Kurzgeschichten und getaggt mit , , , , .
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