Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

Vergleich: Bürokratie in „Buchbinder Wanninger“ und Kafkas „Prozess“


Ein Vergleich: „Der Prozess“ (Kafka) und „Buchbinder Wanninger“ (Valentin)
Überlegungen zu den Themen: Bürokratie, Freiheit und Systemzwang

Da der „Buchbinder Wanninger“ von Karl Valentin als Dialog leichter und witziger zu lesen ist, macht man sich zu Franz Kafkas „Der Prozess“ mehr Gedanken. „Der Prozess“ ist leider auch verwirrender, und so drehen sich die Gedanken bald im Kreis.

Josef K., der verhaftet wurde ohne sich schuldig zu fühlen, trifft in einem Dom einen Geistlichen, den „Gefängniskaplan“. Dieser erzählt ihm eine Geschichte, in der der Türhüter einen Mann nicht zum Gesetz lassen will. Zwar stellt der Türhüter am Ende klar, dass dieser Ein-gang nur für den Mann bestimmt war, aber da ist es für den Mann schon zu spät: Er stirbt. Josef K. stellt nach der Geschichte sofort fest, dass der Türhüter den Mann also getäuscht hat. Der Geistliche widerspricht und erzählt, warum eigentlich der Türhüter getäuscht wur-de. Das leuchtet K. dann auch ein, aber der Gefängniskaplan meint, man könne nach dieser Geschichte den Türhüter gar nicht schuldig sprechen, da der Mann ja freiwillig blieb. Sie überlegen etwas weiter, gehen die ganze Zeit im Dunklen, ohne dass K. weiß, wohin. Schließ-lich sagt er, dass er zurück zur Arbeit müsse. Der Geistliche meint, dann solle er gehen. K. befürchtet, dass er den Weg nicht fände, und fragt, warum der Geistliche ihn jetzt alleine lassen wolle. Der Geistliche spielt auf die Geschichte an und erwidert, dass das Gericht je-manden aufnähme, wenn er käme und entließe, wenn er gehe.
So verhalten sich der Türsteher aus der Geschichte und der Geistliche recht ähnlich. Ebenso der Mann aus der Geschichte und Josef K. Beide hätten die Freiheit zu gehen, vielleicht fehlt ihnen der Mut, es auch tatsächlich zu tun. Wenn man sich auf die Überlegungen des Geistli-chen einlässt, dass der Türsteher selbst auch Angst vor dem Gesetz hat, weil er seinen „Ar-beitgeber“ respektiert, stellt man sich vielleicht den Arbeitsvertrag des Türstehers vor. Der Türsteher war selbst noch nie im Inneren, er wurde nur draußen eingestellt, möglicherweise über einen Boten. Er selbst hält nicht einmal den Anblick der anderen Türsteher aus, bis ganz ins Innere ist er also noch nicht gekommen. Es scheint, dass auch festgelegt ist, was der Tür-steher zu dem Mann sagen darf, und was nicht. Sonst könnte der Türsteher doch einfach sagen: „Geh rein, ist ja eh nur für dich da, der Eingang.“ Vielleicht will er aber den Mann auch nur selbst draufkommen lassen. Oder er versucht, ihn dazu zu bringen, seine Angst zu überwinden, und von sich aus hineinzugehen. Beide, der Mann und Josef K., wählen sozusa-gen freiwillig die Abhängigkeit, was sich eigentlich als unklug erweist. Der Mann vertraut auf die Warnung des Türhüters und stirbt. Und wer weiß, wo der Geistliche Josef K. hinbringt. Sie entscheiden sich, Vertrauen zu ihrem Führer zu haben, wo sie sich halbwegs sicher fühlen.

Der Buchbinder Wanninger ruft bei der Firma Meisel & Co. an, um zu erfahren, wann er die zwölf Bücher, die er binden sollte, liefern darf und wie er es mit der Rechnung handhaben soll. Er wird von einer Stelle zur anderen weiterverbunden, muss immer von vorne erklären, was er will. Schließlich landet er endlich, wo er hinmusste, bei der Buchhaltung, wo er darauf aufmerksam gemacht wird, dass jetzt Büroschluss sei, und er morgen noch einmal anrufen möge. Verständlicherweise ärgert sich Wanninger darüber.
Man erwartet schon, dass die Leute die Bücher wirklich brauchen, also am nächsten Tag auf Wanningers Anruf warten werden. Doch durch die ganze Bürokratie bezweifelt man am Ende, dass Wanninger am nächsten Tag noch weiß, wo er sich jetzt wirklich hin verbinden lassen muss. Wanninger ist von der Firma und ihrem Telefonsystem abhängig, er will ja schließlich die Ware loswerden, und das Geld dafür kassieren. Natürlich hat Wanninger die Freiheit einfach den Hörer aufzulegen, aber das würde ihn nicht weiterbringen, im Gegenteil, er müsste von vorne anfangen. Wanninger wählt also auch die Abhängigkeit, allerdings nicht weil er Angst hat, sondern weil er weiß, dass es gar nicht anders geht, beziehungsweise nur komplizierter und ärgerlicher für alle Beteiligten.

Während also im „Prozess“ der Mann und Josef K. die Freiheit haben, einfach von sich aus wegzugehen, sich allerdings entschließen zu bleiben, hat der „Buchbinder Wanninger“ diese Freiheit nicht. Oder zumindest scheint es ihm klüger, nicht darauf zu bestehen, unabhängig zu sein, da ihm das vermutlich mehr Ärger einbringt. Während der Mann und Josef K. bis zum Schluss ziemlich zufrieden mit ihrer Abhängigkeit scheinen, ist Wanninger sehr unglück-lich mit seiner Entscheidung. Man wünscht sich direkt, dass alle in der Firma auch einmal im Telefonsystem irgendwo hängen bleiben. Es ist natürlich unwahrscheinlich, aber wer sagt denn, das sich Sekretariat, Direktion, Verwaltung und so weiter nicht den ganzen Tag gefragt haben, was denn aus den Büchern geworden ist?

Bemerkung von meinem Deutschlehrer: Hätte Wanninger nicht einfach die Rechnung beilegen können, ohne groß zu fragen? 

Ja, natürlich hätte er, aber ich gehe jetzt einfach nicht mehr darauf ein!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Januar 2010 von in Aufsätze und getaggt mit , , , , , , .
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