Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

Ich, Hoffnungsträger


Folgendes: ich habe noch nie geraucht (außer passiv, natürlich)- das wäre Verrat an meiner Überzeugung. Ich trinke auch keinen Alkohol (einmal Sekt-Orange bei der Vernissage von einer Freundin meiner Mutter- einfach eklig), und nehme keine sonstigen Drogen. Ich will mich um jeden Preis von der Masse unterscheiden und erschreckenderweise geht das total leicht, indem man auf Dinge verzichtet, die man sowieso nicht braucht.

Jetzt sitze ich in meinem Zimmer. Es ist ein kleines Zimmer, stinkt immer nach Meerschweinchenkäfig, auch wenn ich das Fenster geöffnet habe. Natürlich sitze beim Schreibtisch und hacke auf den Computer ein; dass ist meine normale, vermutlich sogar angeborene Haltung. Meine Finger schreiben echt tausendmal schneller, als ich denken kann, was nichts Schlechtes ist, weil meistens etwas Gutes dabei rauskommt. Wie immer läuft die Musik laut, aber diesmal höre ich eine DVD an: „Die Band, die sie Pferd nannten“ von den Ärzten. Keiner sieht mich, ich bin einfach nur da….gut. Guter Text, wirklich. Im Allgemeinen ist die Welt ja wohl irgendwo zwischen Woodstock und den neuesten Gucci -Schuhen verblödet und kleben geblieben. Ich nicht und der Typ, der dieses Lied geschrieben hat, auch nicht. Aber auch ein allgemeiner Vergleich zwischen Rod Gonzales und mir würde vermutlich zu seinen Gunsten ausfallen, denn: mich hört ja auch keiner. Wie auch immer, mein Bruder klopft an die Tür: „Leiser, bitte.“ Klar, er muss schlafen. Netter Typ, mein Bruder. War immer kleiner als ich, fast einen Kopf. Aber seit einiger Zeit wächst er ungefähr drei Zentimeter im Monat, und da ich schon mit zwölf meine jetzigen Körpermaße hatte, kann ich nicht mehr mithalten; er ist schon viel größer als ich. Bei den wichtigen Dingen sind wir uns einig, zum Beispiel: Fettes Brot ist scheiße, die Gorillaz dafür okay, Farin Urlaub wird immer besser, aber Bushido ist unser Hassobjekt, und außerdem: über einem Hemd einen Pullover anziehen und dann den Hemdkragen schön herausziehen sieht idiotisch aus! Naja, ich mach die Musik leiser. Mein Handy klingelt. Eine Frauenstimme kommt gleich zum Punkt: „Gehst du mit uns weg? So in einer Stunde? Holst mich ab?“ Ich brauche eine zeitlang, um die kreischende Stimme zuordnen zu können. Ach ja, die. Das Phänomen, dass mich, trotzdem ich nicht trinke, alle beim Weggehen dabeihaben wollen, kann man doch eigentlich auf Verantwortung zurückführen. Oder? Ich bin immer die Fahrerin. Ich fahre den anderen zu langsam, aber es sind immer alle zu Hause. Irgendwann. Tja, das ist jetzt so. Damals, als noch niemand fahren konnte, wollten sie mich auch nicht dabeihaben und sind dann halt irgendwann am Boden herumgelegen. Meine Mutter war damals entsetzt, als sie zum ersten Mal von den Lehrern beim Elternabend davon gehört hat. „Wieso machen die das? Mit fünfzehn! Was soll das? Wieso denken die nicht nach!?“ Ich habe nur die Schulter gezuckt und gesagt, dass ich das sowieso nie machen werde. Hab mich dran gehalten. Ich war damals nicht mehr besonders davon beeindruckt. Schließlich haben einige schon mit elf begonnen. Vielleicht früher, aber mit elf war es dann schon was, womit man angeben konnte. Das mit dem Rauchen hat ja auch schon mit acht begonnen. Eklig. Allein der Geruch. Letztens, ich weiß nicht mehr wo, aber es war ein geschlossener Raum, rieche ich sie schon: die am stärksten riechenden Zigaretten, die es gibt! Meine Augen rotierten und dann konnte ich sie auch sehen. Noch überlegte ich: Mein Image oder meine Nase? Die Nase wollte Ruhe. Mein Image wollte aufrecht bleiben- cool, stark. Eine ältere Dame drängte sich an mir vorbei. Sie warf den Zigaretten auch vernichtende Blicke zu. Und ich dachte: Für unsere Nasen! Und ging auf die zwei Meter großen Typen zu (vielleicht waren sie auch nur 1,70 oder 1,80 m. Wenn man so klein ist, wie ich, ist das schwer zu sagen: alle sind groß). Ich sagte es in meinem Lieblingston: freundlich/stechend. Keiner kann diesen Ton nachahmen. Ich habe sie nur gebeten, die Zigaretten, für die zehn Minuten, in denen auch andere Leute herinnen waren, auszumachen. Ich weiß nicht, warum, aber sie taten es. Die ältere Dame sagte beim Hinausgehen zu mir: „Wenn´s mehr Jugendliche wie dich gäbe, hätte ich Hoffnung!“ Ich lächelte lieb und dachte: Ich-Streberin!

Allerdings verflog mein Hoffnungsträgerdasein schon einige Stunden später. Ich verkaufte einem alten Ehepaar einen Schuhschrank und die beiden beschimpften mich in einem fort, bis ich ihnen natürlich wieder freundlich/stechend die Meinung sagte. Da starb die Hoffnung von Morgen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. Januar 2010 von in Unsinn und getaggt mit , .
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