Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

Gedanken zu: „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ von John Perry Barlow


Unsere Welt ist überall und nirgends, und sie ist nicht dort, wo Körper leben.[1]

Diese Vorstellung ist eine der schönsten, von denen ich jemals gelesen habe. Das Bild, ohne Körper zu existieren. Nur im Geist da zu sein, und sich so eine vorurteilsfreie Meinung zu erkaufen. Die erste Meinung über einen Menschen bildet man sich schon, wenn man ihn nur von weitem sieht. Die zweite bildet man sich, wenn der Mensch anfängt, zu sprechen. Niemals wird das beurteilt, was er sagt. Vielmehr zählt zuerst, wie er es sagt. Welche Laute er betont oder beinahe verschluckt. Dann erst wird über den Inhalt der Worte nachgedacht. Oder auch nicht.

Wir Menschen selbst haben uns einen Ort in der Welt geschaffen, wo es fast möglich zu sein scheint, Anonymität (oder zumindest Körperlosigkeit) zu erreichen. Durch das Internet ist es uns möglich, hundert Personen auf einmal zu sein. Man verändert dort den Namen, hier die Adresse, da das Alter und alles ist anders. Nein.

Etwas geht durch diesen Identitätsverlust noch nicht verloren. Nämlich die Sprache. Die Gewohnheiten an sich. Beachtet man im Internet Groß- und Kleinschreibung? Ist es einem egal, was andere von einem denken? Bekommen andere ein völlig falsches Bild oder sind doch sehr nah an der Wahrheit dran? Man reagiert im Internet genauso auf Beleidigungen, wie man es im echten Leben draußen tut. Man schreit die Leute mit Buchstaben an, die man in der Wut in die Tastatur gehackt hat.

Das Internet spielt uns nur etwas vor; solange, bis wir nicht mehr daran glauben, dass wir uns selbst etwas vorspielen.

Bin ich ich oder nur jemand, den ich im Internet erfunden habe? Wie viele Ichs gibt’s denn überhaupt? Und wer passt auf, dass sie nicht selbstständig zu denken anfangen? Nicht, dass die Blödsinn machen, weil das Ich-Ich gerade nicht aufpasst.

Eine körperlose Welt ist schön. Aber nur Illusion.


[1] Aus: John Perry Barlow, Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Februar 2010 von in Unsinn und getaggt mit , , , , , .
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