Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

22. Dezember- Auf der Suche nach der Perspektive


Das Blöde ist nicht, eine Geschichte zu haben und nicht zu wissen, wie sie ausgeht. Das hat bis jetzt noch immer funktioniert. Das Problem ist, sie auf die richtige Art zu erzählen. Man beginnt zum Beispiel in der Ich-Form und irgendwann funktioniert die Ich-Form nicht mehr. Man möchte wechseln,  sagen wir in Kameraperspektive. Das geht aber irgendwann auch nicht mehr, also möchte man wieder wechseln, man müsste der allwissende Erzähler sein… so ein Scheiß, nein, man braucht natürlich wieder die Ich-Form…

Aber automatisch mit der Erzählweise, verändert sich natürlich auch die ganze Geschichte.

Also: Welches ist der beste Anfang??

 

Version 1:

Es ist nicht einfach zu verstehen, wie ich das mache. Ich kann es auch nicht erklären, aber es ist einfach so. Ich bin hungrig, ich habe etwas zu essen. Ich habe Lust auf Schokolade, ich habe Schokolade. Ich begreife nicht, was ich tue, es geschieht einfach. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch. Glaube ich jedenfalls.

Ich betrete das stinkende Schulgebäude. Riecht das für alle so? warum tut ihr nichts dagegen?

Sandra, mein Engel aus der Klasse unter mir, geht vor mir die Treppen hinauf. Ihr kurzer Rock gibt den Blick auf Einiges frei. Sandra setzt sich im Hof auf eine Holzbank. Ich lehne mich an die Mauer gegenüber. Aber ich habe zu viel Publikum.

Ich denke: „Schau mich an und lächle.“

Sie hebt leicht den Blick und lächelt mich an. Dann zieht sie einen Notizblock heraus und schreibt drauf los. Hebt wieder den Blick und lächelt.

Ich beneide sie. Wenn ich etwas aufschreibe, wird es wahr. Ich kann nichts am Papier erfinden, jedenfalls keine richtig gute Krimigeschichte, so wie sie gerade. Zu viele Leichen, die ich aus den Köpfen der Leute löschen müsste.

Sandra lacht so süß, ich muss zurücklächeln.

Ich denke: „Lass deinen Stift fallen.“

Sandra lässt ihren Stift fallen. Wer auch immer heiße Sommertage erfunden hat, an denen Mädchen wie sie fast nichts anhaben, verdient einen hochdotierten Preis. Sandra beugt sich vor und – sie trägt tatsächlich keinen BH – hebt den Stift auf. Ich überlege, ob ich sie noch ein bisschen so sitzen lassen soll, aber es läutet zur ersten Stunde.

 

Version 2:

Da drüben, in der Querstraße geht Gray. Gray ist natürlich nicht sein echter Name, er nennt sich so. Alle nennen ihn so. Der Name passt gut zu ihm: sein blondes Haar ist so hell, dass es fast grau ist und seine Haut ist so bleich, dass sie gerade noch als grau durchgeht. Beinahe farblos. Viele übersehen ihn. Die meisten Menschen nehmen ihn nicht wahr und die, die ihn sehen, können sich später nicht mehr an sein Gesicht erinnern. Gray ist achtzehn Jahre alt, er geht ins Gymnasium. In ein paar Monaten hat er es geschafft. Gray ist ein Weltenerfinder. Aber vor allem ist er erst achtzehn. Er hat längst bemerkt, das er anders ist als die anderen in seiner Klasse. Zuerst hat es ihn gestört, und dann ist es in sein Bewusstsein gekommen: Was er alles machen kann. Er denkt, er ist besser als die anderen.

Er weiß, dass er besser ist als die anderen.

Er könnte alles mögliche mit seinen Mitmenschen machen, doch er macht es nicht. Vielleicht ist er einfach ein guter Mensch. Aber er ist nicht gut erzogen worden, im Gegenteil, seine Eltern sind vor fünf Jahren gestorben, seitdem lebt er im Heim. Er ist eine Gefahr für andere.

Heute ist Gray gut drauf. Er mag die Stimmung. Graue Wolken, die den Himmel verdecken, selbst die Luft, die er atmet, schein irgendwie grau zu sein. Sie schmeckt grau. Grau wie Regen und grau wie Verkehr. Er biegt in die Straße ein, in der seine Schule steht und schlüpft unbemerkt hinein.

Die Menschen wissen nicht, was Gray ihnen antun könnte und er bleibt gerne unsichtbar. Je weniger Menschen sich an ihn erinnern, desto besser kann er ihnen schaden. Gray ist nicht bösartig.

Er geht die paar Stufen hinauf zum Hof. Sandra geht vor ihm. Er mag Sandra. Sie ist schön. Eine nette Fantasie, ein guter Zeitvertreib.

 

Version 3:od1

Ich bin weit davon entfernt normal zu sein.

Ich bin besonders.

Es klingt arrogant und ihr denkt jetzt: „Uh! Was für ein Spinner!“ und es stimmt: nur weil man für die meisten Leute unsichtbar ist, heißt das nicht, dass man etwas Besseres ist. Aber ich bin besser als der typische Mensch.

Ich bin selbstverliebt und eitel, was seltsam ist, wenn man bedenkt, wie wenig Leute mich sehen.

Ich bin besser als ihr.

Ihr werdet es bald bemerken.

 

„Jerry Gronton“, tönt eine verzerrte Stimme aus den Lautsprechern. Das ist mein Name. In echt. Wo ich bin? Im Wartezimmer, das habt ihr schon erraten. Ich bin beim Psychiater.

Der Raum ist hübsch eingerichtet, wie auch schon der Warteraum. Klar, bei den Preisen muss dem Kunden etwas geboten werden. Er muss sich so wohl fühlen, wie in seinem eigenen Wohnzimmer. Schließlich soll der Kunde dem komplett Fremden alle seine Geheimnisse erzählen. Letzte Woche bin ich achtzehn geworden. Keine Eltern, keinen Vormund, den irgendetwas interessiert. Ich habe gewartet, bis ich alleine verantwortlich bin. Länger zu warten, hätte ich nicht mehr fertig gebracht. Nicht nach dem, was vor ein paar Tagen passierte. Aber ich hätte zu viel verlieren können, wenn das, was ich erzähle, von irgendjemanden zur Kenntnis genommen würde.

Ich setze mich auf die Couch, die da steht, und warte. Das erste, was mir auffällt, als ich den Raum betrat, war, dass Dr. Alex Sciny ein Mann ist. Ich habe darüber schon im Wartezimmer nachgedacht, Mann oder Frau, Mann oder Frau. Egal, Doktor. Schließlich steht der von seinem Schreibtisch auf, der hinten am Fenster ist, und kommt zu mir. Ich erhebe mich halb und bin so präsent wie möglich. Wäre schließlich ziemlich blöd, wenn der Doc sich beim nächsten Mal nicht mehr an mich erinnern könnte.

„Also“, sagt er. Er hat eine warme, freundliche Stimme, bei der ich denke: „Was willst du?“ Er ist ein netter Großvater, der mir mein Süßes klaut. Und mein Süßes sind Geschichten, mit denen er sich ernährt. Aber hey, ich bin hier, ich brauche Hilfe, vielleicht bringt es ja etwas.

„Ich glaube ich bin schizophren“, sage ich also.

„Aha. Wie kommen Sie darauf?“, fragt er.

„Na ja. Ich höre Stimmen und manchmal sehe ich auch die Leute. Aber es ist niemand da.“

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Dezember 2010 von in Unsinn und getaggt mit , .
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