Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

Illusionen.


All die Huren waren gegangen. Die Männer rieben sich im Schlaf an den Betten. Gerade als einige Männer aggressiv wurden vor lauter Nichts tun, und daran dachten, sich gegenseitig zu töten, um wenigstens irgendetwas zu machen, kam eine Frau in das kleine Dorf.

Die Frau war klein und hässlich, nirgendwo brauchte sie sich zu fürchten, wenn sie nachts auf die Straße ging. Der Wirt war froh sie zu sehen, und bat sie, zu bleiben. Er war ein alter, verbrauchter Mann, der nicht mehr auf die Idee kam, sich vor der Frau lächerlich zu machen, doch er hoffte auf gutes Geschäft.

Sie lachte und sagte Ja, denn arbeiten könne sie überall. Da fragte der Wirt nach ihrem Beruf, obwohl er vollkommen überzeugt war, dass er die Antwort schon kannte.

Die Frau sagte, sie sei eine Hexe, doch niemand bräuchte sich vor ihr zu fürchten. Die Frau zog in ein kleines Haus, direkt neben dem Gasthaus. Sie richtete sich nett ein und begann ein Schild auf ihre Tür zu malen. Auf dem Schild standen Öffnungszeiten.

Die Männer zögerten. Keiner traute sich die Frau zu verjagen. Schließlich war sie ja die einzige Frau in der Gegend. Und außerdem eine Hexe.

Bald wagte sich der erste Mann zu ihr, und fragte, ob sie ein Geschäft betreibe.

Sie sagte: „Ja, ich verkaufe.“

„Was verkaufen Sie denn?“, fragte der Mann, obwohl im ganzen Haus nichts zu verkaufen war, außer eben der Frau selbst.

„Ich verkaufe Illusionen“, sprach die Hexe.

„Wie funktioniert das?“, wunderte sich der Mann.

„Ich weiß, was du dir am meisten wünschst und kann es dir geben.“

„Okay. Wie viel wird es kosten?“, fragte der Mann misstrauisch.

„So viel es dir wert ist. Bezahlt wird später.“

„Okay. Also, ich wäre gerne ein reicher Mann.“

„Nein“, behauptete die Frau. „Dein größter Wunsch ist es, ein glücklicher Mann zu sein.“

Und dann machte sie den Mann glücklich.

Der glückliche Mann ging. Er erledigte glücklich seine Arbeit. Er putzte glücklich sein Haus und zahlte jeden Monat glücklich der Hexe die Hälfte von seinem übriggebliebenen Geld.

Nach und nach wagten sich alle Männer zu ihr und kamen niemals mit Beschwerden zurück. Sie wurde berühmt bis in die fernen Täler. Das ganze Dorf lebte gut und zufrieden und glücklich und alle gaben der Hexe die Schuld daran.

Eines Tages kam ein Fremder zu der Hexe. Er sah reich und zufrieden aus und sie wunderte sich ein bisschen, warum er sie besuchte.

„Ich bin der glücklichste Mann der Welt“, behauptete er. „Mir fehlt nichts. Sie könnten Nichts für mich tun.“ Er wollte sie anscheinend nur testen. Doch die Hexe sah in seinen Augen, dass er alles hatte und nicht vollkommen glücklich war.

„Oh, das wird schwer“, antwortete sie ihm. „Sie müssen von nun an jeden Tag zu mir kommen.“

Der Fremde kam jeden Tag. Irgendwann ging er gar nicht mehr weg, weil der Weg zu weit war und es sich nicht auszahlte. Er blieb.

Eines Tages kam der Wirt zu der Hexe hinüber und fragte: „Warum bleibt er bei dir? Warum dauert es bei ihm so lange? Funktioniert es nicht?“

Und die Hexe sagte: „Es hat sehr gut funktioniert. Er war schon glücklich. Alles, was ihm fehlte, war ein bisschen Liebe. Er kaufte die Illusion der Liebe und jetzt zahlt er dafür. Er zahlt, so viel es ihm wert ist. Es war ihm alles wert. Wir können uns nicht mehr trennen.“

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Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. Mai 2011 von in Kurzgeschichten.
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