Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

Savannah. Buchstabenfrei


Tante Miriams Kater Mowgli hatte genug. Kleine, verschwitzte Mädchenhände, die viel zu grob über sein frisch geputztes Fell strichen! Er floh aus dem Haus und erschreckte die Hühner. Sie flatterten panisch auf und machten hässliche Geräusche. Kater Mowgli war das heute egal. Er huschte über die gestapelten Strohballen auf den Dachboden über dem Kuhstall. Dorthin, so hoffte er, würde ihm der Wirbelsturm von einem Menschenkind doch nicht folgen. Aber da kam die Stimme schon näher: „Mowgli!“ Nervös tappte Mowgli auf und ab. Würde sie ihn hier finden können? Er duckte sich hinter eine Kiste. Schon hörte er vorsichtige Schritte die grob gezimmerten Stufen hinauf tappen. Doch dann verstummten die Schritte im Halbstock. Mowgli ließ sich in den Schatten gleiten und entspannte sich.

Savannah hatte zehn Minuten gebraucht, um auf Mowglis Spur zu kommen. Jetzt war sie sich sicher, dass sie ihn gleich wieder finden würde. Der fette, miesepetrige Kater verkroch sich immer in den gleichen Verstecken; man musste sie nur der Reihe nach abgehen. Savannah kletterte vorsichtig de Stufen hinauf; ihr Vater hatte ihr eigentlich verboten, allein auf den Dachboden zu klettern.

Obwohl der Karton schon ihr Leben lang an der Stelle gestanden hatte, bemerkte Savannah ihn erst jetzt. Eine seltsame Ruhe überkam sie und sie vergaß den langweiligen Kater. Während sie sich damit abmühte, das Klebeband abzureißen, schnitt sie sich in den Finger. Normalerweise hätte sie daraus ein Gebrüll gemacht, das alle Erwachsenen in der Näheren Umgebung anlockte. Heute nicht. Heute fluchte Savannah kurz und machte weiter. Endlich konnte sie die beiden Hälften des Deckels auseinanderbiegen. Drinnen lagen alte Bücher. Kinderbücher. Savannah konnte noch nicht lesen, aber sie hatte schon tausendmal Schriftzeichen gesehen. Auf Büchern, Verbotsschildern, Kleidung, wenn ihr jemand ein Buch vorlas. Es war nichts Neues. Und doch war es etwas ganz anderes als jedes Mal zuvor. Mit dem Finger malte sie die einzelnen Buchstaben nach. Ein Lächeln stahl sich auf ihren Mund. Minuten vergingen, bevor Savannah das Kinderbuch wieder weglegen konnte. Sie hatte ihr Erbe gefunden, ihr Schicksal. Natürlich wusste sie das noch nicht, aber seit dem Moment, klangen Wörter für sie anders. Automatisch wurden die Wörter in verschiedene Boxen unterteilt. Wörter, die gut waren, etwas Schönes bedeuteten oder einfach nur schön klangen. Und Wörter, die sich seltsam auf der Zunge und in den Ohren anfühlten. Wörter, die böses bedeuteten und Schrecken verbreiteten.

Als Savannah lange genug dagesessen und auf die Buchstaben, ihr zukünftiges Werkzeug, gestarrt hatte, klappte sie den Deckel wieder zu und vergaß die Kiste.

Während Savannah erschöpft die Treppen hinunter stieg, um zu sehen, ob es in der Küche etwas zu essen gab, hielt vor dem Haupthaus ein Polizeiwagen.

Nein, Savannahs erste Erinnerung war nicht, wie ihr ihre Mutter abends Geschichten erzählte oder dass sie sehr lange still sitzen musste, wenn ihr Vater sie malte. Es war auch nicht die Entdeckung der Kiste.

Es war lautes Weinen, Telefonklingeln und zittrige Hände, die ihr den Kopf tätschelten. Und Polizisten, die auf der Suche nach ihrem Vater, das ganze Haus auf den Kopf stellten. Und Tante Paula, die nach Dublin zog und von jetzt an mit Savannah zusammenwohnte.

aus: Selbstmordtheorie einer kindischen Verrückten

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Mai 2011 von in Kurzgeschichten und getaggt mit , , , .
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