Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

„Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ von Ferdinand Raimund


Ferdinand Raimund „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“

Das Drama „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ wurde 1828 von Ferdinand Raimund geschrieben und im selben Jahr uraufgeführt. Es verbindet die zauberhafte Geisterwelt mit der ganz normalen, dem Publikum alltäglich bekannte Welt. Die zwei Aufzüge sind in mehrere Auftritte (bei Orts- und Personenwechsel) unterteilt.

Herr von Rappelkopf, ein Welthasser, muss einen Spiegel vorgehalten bekommen, um sich zu verbessern. Raimund bemüht sich um einen moralisch-pädagogischen Wert. Die Ausführung und die Verantwortung für die Verbesserung übernimmt ein Geist, der Alpenkönig Astragalus. Die Figur des Astragalus ist sowohl hilfsbereit als auch gerecht. Er ist der Herrscher, der alle verzaubern könnte, und setzt seine furchteinflößende Macht für das Gute ein. Raimunds „Glaube an eine Zielstrebigkeit innerhalb der Weltordnung[1]“ ist in ihm vertreten. Das Gute, Bürgerliche muss gewinnen, wenn es die Regeln einhält.

Die Handlung findet nicht zuerst in einer Feen- oder Geisterwelt statt, es ist der Geist, der bereits in Niederösterreich als Jäger durch die Berge streift. Malchen, Rappelkopfs Tochter Amalie, und ihr Kammermädchen Lischen, sind währenddessen auf der anderen Seite des Berges, damit Malchen sich mit ihrem Liebsten, dem Maler August Dorn treffen kann, der aus Italien zurückkommt. Aus Angst vor dem Alpenkönig, der jedem Mädchen die Jugend rauben soll, rennt Lischen davon und lässt Malchen allein. Lischen wird als dumm dargestellt, Malchen als glücklich und naiv. August und Malchen begrüßen sich und begegnen dem Alpenkönig, der sich als nett herausstellt und ihnen gegen Malchens uneinsichtigen Vater helfen will. Alle längeren Monologe des Alpenkönigs sind in Versform, wahrscheinlich gesungene Lieder. Während Malchen und ihre Mutter Sophie schönstes Hochdeutsch in ausgeformten Sätzen reden, ist die Sprache von Rappelkopf und seinen Bediensteten sehr viel anspruchsloser und meist im Dialekt. Den größten Unterschied merkt man, wenn die Geister in Versen sprechen und Rappelkopf ihnen „die Alltagsprosa eines Wiener Durchschnittsbürgers“[2] entgegen wirft. Sabine, die Köchin, redet im schwäbischen Dialekt und Habakuk wirft immer wieder französische Worte ein. Habakuk sorgt für einen running gag, mit der Zeile: „Ich war zwei Jahre in Paris, aber das hab ich noch nie erlebt…“. Er ist der Dumme, der unfreiwillig lustige Diener.

Die Diener wollen den Haushalt verlassen, da sie die Tyrannei des Hausherrn nicht mehr aushalten. Sophie, die vierte Frau von Rappelkopf, kann sie mit Geld immer wieder dazu bringen, doch noch zu bleiben. Sophie ist eine sehr sanftmütige Frau, die, egal wie schlimm ihr Mann sie behandelt, liebevoll antwortet. Nur einmal (Aufzug I, 13) wird sie wütend, und spricht eine Warnung aus. Doch Rappelkopf, hält sie weiterhin für eine unmögliche Person. Egal also, wie sie mit ihm redet, er bleibt in seiner Rolle: lächerlich böse, dargestellt wie eine Karikatur. Das ist wohl auch der Grund, warum man nicht von psychologisch durchdachten Charakteren sprechen kann. Obwohl Rappelkopf ja eigentlich eine Veränderung, eine Verbesserung durchmacht, bleibt er doch dieselbe Figur. Die gute Frau, die gehorsame Tochter, der dumme Diener sind sehr typische Charaktere.

Herr von Rappelkopf befindet sich im Gartenzimmer. Habakuk muss hinaus in den Garten, um Zichori zu stechen und geht mit einem Küchenmesser zu Rappelkopf. Dieser sieht das Messer, und glaubt Habakuk wolle ihn erstechen. Habakuk stammelt „die gnädige Frau braucht Zichori“, doch schon nach „die gnädige Frau“ lässt Rappelkopf nicht von ihm ab. Im Glauben, seine eigene Frau wolle ihn ermorden lassen, prügelt er Habakuk zur Tür hinaus, steckt Geld in die Tasche und flieht dann in den Wald. Die einzige Szene, in der weder Astragalus, noch die Rappelkopf-Familie spielt, ist die Köhlerhüttenszene. Das Ehepaar, fünf Kinder und die Großmutter leben auf engstem Raum zusammen und haben kein Geld für Essen, weil der Vater alles vertrunken hat. Auch die eher sozialkritische Szene mit der Köhlerfamilie könnte Auslöser für eine Diskussion sein, doch sie geht unter, in dem Drang von Rappelkopf alle aus dem Haus zu bekommen und endlich allein zu sein. Geredet wurde im Nachhinein wohl nur über das Lied, das die sechs Leute singen, denn schließlich diente die Komödie zur Unterhaltung, und das Theater war ein Weg für die Leute, neue Lieder zu entdecken. Auch literarisch vertreten viele diese Meinung. Beschrieben wurde es so: „Die Komödie muß bei einer Vernachlässigung des Wortes allerdings einen Ausgleich im Szenischen und Mimischen finden.“[3]  Das ist etwas, das Raimund mit Sicherheit geschafft hat, obwohl er viel lieber ernst genommen werden wollte[4].

Als Sophie und Malchen von dem Missverständnis erfahren, glaubt sich Malchen vom Alpenkönig getäuscht und verwünscht ihn. Sofort taucht Astragalus im Spiegel auf und rechtfertigt sich. Er geht in die Köhlerhütte und spricht mit Rappelkopf. In der Nacht lässt er Rappelkopfs drei verstorbene Ehefrauen als Geister zu ihm kommen. Rappelkopf verspricht voller Angst, sich zu bessern. Astragalus nimmt ihn mit auf sein Schloss und verwandelt Rappelkopf in den Schwager Herr von Silberkern, während Astragalus sich selbst in Rappelkopf verwandelt. Der echte Silberkern wird währenddessen auf der Spitze eines Berges festgehalten. Rappelkopf kehrt in Gestalt Silberkerns nach Hause zurück und muss sich freundlich stellen. Er horcht seine Frau über sich aus und bekommt zur Antwort, dass sie ihn liebe.

Als Astragalus als Rappelkopf kommt, findet Rappelkopf selbst, das der Alpenkönig übertreibe. So schlimm sei er nicht, meint er. Astragalus beschuldigt Sophie ihn (als Rappelkopf) vergiften zu wollen, und sagt sich dann von Frau und Tochter los. Der echte Rappelkopf kann das nicht länger mit anschauen und fordert ihn zum Duell. In letzter Sekunde fällt Rappelkopf ein, dass es sich so nur selbst erschießen würde. Schließlich bringt Habakuk einen Brief ins Zimmer. In dem Brief aus Venedig steht, das die Bank gefallen ist, in der Silberkern Rappelkopfs gesamtes Vermögen aufbewahrt hat. Astragalus will sich daraufhin als Rappelkopf in den Fluss stürzen. Als er springt, fällt der echte Rappelkopf in Ohnmacht. Als er wieder aufwacht, ist Rappelkopf wieder Rappelkopf und dann versöhnt er sich mit Frau und Tochter. Silberkern wird ins Haus gebracht und berichtet, dass er das Geld retten konnte. Rappelkopf gibt seine Einwilligung zur Hochzeit von Malchen und August. Die beiden stürzen dankbar vor Astragalus´ Füße.

Raimund soll gesagt haben, dass er sich im Rappelkopf wiederfand. Dieser Hass gegen die ganze Welt, nicht leben wollen, heute würde man depressiv dazu sagen, passt nicht zu Raimunds heiler Welt. Vielleicht musste er so optimistisch schreiben, um sich selbst aushalten zu können.

Die Handlung findet innerhalb von zwei Tagen statt. Das Publikum begleitet immer einen Schauplatz, an dem die Zeit ausgefüllt wird. Wenn ein Schauplatzwechsel stattfindet, erklären die Dialoge, wie viel Zeit vergangen ist. Zum Beispiel zieht Lischen Habakuk ins Zimmer, und erklärt, dass er sich stundenlang aus Angst im Heu versteckt hielt.

Dieser Satz wäre wohl in Raimunds Sinn: „Es ist kein Besserungscharakterstück, weil man es tragisch nennen sollte.“[5]


[1] Walter Höllerer, Zwischen Klassik und Moderne, Stuttgart Ernst Klett Verlag 1958, Seite 156

[2] Ebenda, Seite 157

[3] Walter Höllerer: Zwischen Klassik und Moderne. Lachen und Weinen in der Dichtung einer Übergangszeit. Stuttgart Ernst Klett Verlag 1958, Seite 161

[4] Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815-1848. Band III. Die Dichter. Stuttgart J.B.Metzler Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH 1980, Seite 33-35

[5] Walter Höllerer: Zwischen Klassik und Moderne, Seite 173

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Ein Kommentar zu “„Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ von Ferdinand Raimund

  1. Anonymous
    26. März 2017

    alles klar digger

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. September 2011 von in berühmte Bücher und getaggt mit , , , , , , .
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