Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

Primo Levi: Ist das ein Mensch?


Primo Levi: Ist das ein Mensch?

 

Der Text fällt trotz seiner Sachlichkeit in den Bereich der biografischen Erzählung.

Primo Levi wird im Dezember 1943 verhaftet und in ein Internierungslager bei Modena gebracht. Er kommt als Jude ins Lager, nicht wegen seiner politischen Aktivitäten[1]. Der damals Vierundzwanzigjährige bleibt einige Wochen mit über sechshundert anderen italienischen Juden im Lager, bis er dann Ende Februar 1944 in einen Zug nach Auschwitz gesetzt wird. Primo Levi schildert die große Verwunderung, die ihn und die anderen Juden befiel. Sie wurden von „Menschen“ zu „Stück“ reduziert, und geschlagen, ohne dass der Schläger wütend war[2]. Die Zugfahrt ist für alle eine Fahrt ins Ungewisse. Sie haben Angst und Levi gibt zu, in dieser Situation ausgerechnet an die Rückkehr nach Italien gedacht zu haben. Die Ankunft am Bahnhof wird als Erleichterung empfunden. Die arbeitsfähigen Männer werden von Frauen und Kindern getrennt. Mit dem Lastwagen werden die Männer ins Arbeitslager Buna gebracht, die Frauen und Kinder getötet.

Kleider und Schuhe werden den Gefangenen abgenommen, die Haare werden ihnen abrasiert.

Levi und die anderen warten. Einige Fragen werden beantwortet, durch einen Mann, der Italienisch spricht. Dann dürfen sie fünf Minuten lang heiß duschen, bekommen Kleider und Schuhe, die nicht passen. Die Nummer 174517 wird auf Levis Unterarm tätowiert, das ist nun sein Name, sein Ausweis, seine Essenskarte.

Der Leser lernt mit Levi zusammen, die Informationen, die man in keinem Schulbuch findet: Welche „Nummern“ welche Gefangenen (116000er und 117000er sind Saloniki-Griechen etc.) bezeichnen, zum Beispiel. Wie das Handeln funktionierte. In welchen Blocks welche Gefangenen untergebracht waren. Levi berichtet von Begegnungen mit anderen Häftlingen, die er teilweise nur einmal sieht und dann nie wieder. Der Alltag wird beschrieben, ohne genauer auf Tage einzugehen. Es spielt wahrscheinlich keine Rolle, wie viele Tage man im Lager schon überlebt hat. Etwa zweihundert bis zweihundertfünfzig Häftlinge sind in einer Baracke untergebracht, in dreistöckigen Betten; meistens müssen sich zwei ein Bett teilen[3]. Etwa 10000 Gefangene gibt es in Buna. Die Lagerbewohner werden unterschieden in die Kriminellen (grünes Dreieck auf der Kleidung), die Politischen (rotes Dreieck) und die Juden (Judenstern).

Nur wenige SS-Leute sind im Lager, das Sagen haben die Grünen Dreiecke.[4]

Die Neuangekommenen lernen schnell, dass man alles brauchen kann: jeden Krümel Brot, jeden Schluck Suppe, Draht, Papier oder Lumpen: alles hat einen Nutzen. Alles wird gestohlen, wenn man es aus den Augen lässt. Was man hat, kann man Tauschen. Die zahlreichen Gebote und Verbote müssen befolgt werden. Alltag heißt vor allem arbeiten. Die Arbeitszeit ist von Wetter und Jahreszeit abhängig. Bei Dunkelheit und Nebel darf wegen Fluchtgefahr nicht gearbeitet werden.

Levi weiß selbst nicht mehr, wie viele Tage er schon im Lager ist, als er verletzt wird und in den Krankenbau muss/darf. Innerhalb von zwei Monaten muss man gesund werden oder sterben, berichtet er. Es gibt wieder Selektionen. Erst jetzt, mit der einfachen Frage „Wo sind >die Andere<?“[5] wird Levi klar gemacht, was mit denen passiert, die nicht mehr zurückkehren.

Erst gegen Ende werden der Erzählung Daten hinzugefügt (Levi kommt am 11.1.1945 wieder in den KB, am 18.1. wird evakuiert), die später wohl rekonstruiert wurden.

Viele, die das Lager überlebten, starben wenige Wochen später im russischen Lazarett. Von einigen Überlebenden weiß Levi, wie es ihnen später ergangen ist.

 

Die Beschreibungen Levis sind von wenigen Gefühlen durchzogen. Beim Leser bleiben vor allem zwei Dinge im Kopf, die Hand in Hand gehen: die Angst und das Unwissen. Das Unverständnis, wie man Menschen so vernichten kann. Das Erstaunen, dass man Menschen vernichten kann, auch wenn man sie (noch) am Leben lässt.

Deutsch, Französisch, Italienisch: sehr viele Sätze wurden vom Übersetzer gar nicht übersetzt, was zwar einen guten Eindruck hinterlässt (die Häftlinge haben ja auch nicht alles verstanden), aber viele Sachen verstand ich als Leserin dadurch nicht.

Schlimmer für den Großteil der Menschen heute sind jedoch die Taten. Man will nicht glauben, was damals geschah; man kann nicht verstehen, was doch bewiesen ist. Wir sind erleichtert, wenn wir sagen: Hitler war ein Psychopath, aber was ist denn mit denen, die Befehle mit Freude ausgeführt haben? Es können doch nicht so viele Leute auf einmal auf den Menschenverstand verzichtet haben, nur weil es eben einer sagte? Und Primo Levi hat Recht: Wenn wir es schon nicht verstehen können, sollten wir wenigstens dafür sorgen, dass es sich nicht wiederholt oder gar in Vergessenheit[6] gerät.

 

Man nahm diesen Menschen nicht nur das Leben oder die Freiheit, man nahm ihnen auch gleich zu Beginn die Sprache. Die Muttersprache, die sie nur noch selten hörten oder sprechen konnten. Und das wird nicht erwähnt: Das sehr Vieles, was der Mensch empfindet, damit zusammenhängt, was dieser Mensch denkt. In welcher Sprache hat Primo Levi gedacht, als er nur deutsche Befehle im Ohr hatte?


[1] Seite 11

[2] Seite 14

[3] Seite 30

[4] Seite 31

[5] Seite 50

[6] siehe Vorwort, bzw. Gedicht Seite 9

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Oktober 2011 von in berühmte Bücher und getaggt mit , , , , , , , , , .
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