Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

„Mayas Tagebuch“ von Isabel Allende


Cover Mayas Tagebuch

Cover Mayas Tagebuch

„Chiloé ist nichts für Menschen, die es eilig haben.“ (Seite 75)

Diesen Satz nimmt sich Isabel Allende in ihrem neuen Roman „Mayas Tagebuch“ sehr zu Herzen. Die Geschichte plätschert dahin, mit vielen Pausen und Alltagsunterbrechungen. Dabei ist der Inhalt sehr spannend – vielleicht zu spannend, denn es wird alles hineingestopft in diese Geschichte, von Drogenproblemen, Krebserkrankungen, Rassismus, Arm und Reich, Kindesmissbrauch, Korruption, Folter, Traumata, Liebe usw. Tod und Leben geben sich ein Duell, und das Leben gewinnt in den meisten Fällen, denn es ist schließlich ein Roman von Isabel Allende.

„[…] sagte ihm, dass ich nichts trinken kann, weil ich Alkoholikerin bin. „Du Ärmste! Das ist ja schlimmer als Vegetarier zu sein“, rief er. (Seite 440)

Ich lerne Maya kennen, die mir in Ich-Form alles erzählt. Sie schreibt in ihr Tagebuch, aber das Buch hat keinen Tagebuchstil. Vielmehr krieche ich in Mayas Gehirn, denn ich erfahre alles, was sie beschäftigt. Ich erfahre, dass sie Alkoholikerin ist, dass sie auf der Flucht ist und für einige Zeit bei einem alten Bekannten ihrer Großmutter verbringen muss. Was ich noch nicht weiß: vor wem sie auf der Flucht ist und warum. Sehr schnell schließe ich Mayas Großvater „Pop“ in mein Herz, denn er beweist die Feinfühligkeit, die ihre Großmutter vermissen lässt. Er ist Mayas Bezugsperson, denn ihre Mutter verschwindet und ihr Vater lädt Maya bei ihren Großeltern ab, damit er sich durch die Welt ficken kann. (Ich meine fliegen, er ist schließlich ein Pilot.)

„Laut meinem Pop war ich nicht lernschwach, sondern phantasiebegabt, was weniger schlimm ist, und die Zeit gab ihm recht […].“ (Seite 46)

Pop versteht Maya und sie lieben sich sehr, doch kurz vor ihrem 16. Geburtstag stirbt Pop an Bauchspeicheldrüsenkrebs und Mayas Welt wird immer schwärzer. Sehr lieb finde ich die Idee, dass Maya Pop sehen kann, wenn sie ihn braucht, was sie aber anscheinend immer wieder vergisst, die blöde Göre.

Mayas Großmutter Nini ist sehr streng, trotzdem lieb natürlich, aber mit ihr werde ich einfach nicht warm.

„Diese Mafia besteht aus ihr allein, doch fürchten Mike O’Kelly und ich uns sehr vor ihr und nennen meine Nini deshalb auch Don Corleone.“ (Seite 45)

Zum einen ist Nini diese selbstbewusste Frau, die nach dem Tod ihres ersten Mannes ihren Sohn im wildfremden Kanada alleine großziehen muss und sich den Astronomieprofessor einfach angelt, weil er ihr gefällt. Zum anderen lässt sie sich zu verrückten Ideen hinreißen, ist besessen von Krimis und will keine andere als ihre eigene Meinung gelten lassen.

„Meine Nini und Mike O’Kelly […] landen aber nach der Festnahme nie in der Arrestzelle, sondern im Büro von Sergeant Walczak, der ihnen dort Cappuccino serviert.“ (Seite 69)

Sie ist diese starke Frau, die, wenn ihr Ungerechtigkeit über den Weg läuft, sofort etwas tut, aber gleichzeitig ist sie sehr hilflos und blind, wenn es um Mayas Leben und vor allem um ihre Sucht und Lügen geht. Mike O’Kelly, Ninis bester Freund, auch Schneewittchen genannt, ist ebenfalls verrückt nach Krimis und jemand, der (Ex)Abhängige betreut. Da ist die Unklarheit in meinem Kopf: Er hätte etwas von Mayas Sucht bemerken müssen.

Ich lerne Chiloé kennen. Es ist eine seltsame Insel bei Chile, auf die Manuel, Ninis Bekannter, verbannt wurde, nachdem er die Regierung geärgert hatte.

„Ich bin auf der Flucht vor den Behörden“, sagte ich ernst, und er lachte.                          „Das war ich auch sechzehn Jahre lang, und um ehrlich zu sein, fehlt mir das heute.“ (Seite 65)

Manuel ist ein komischer Kauz, was wohl normal ist, bei seiner Vergangenheit. Die Vergangenheit wird sehr lange angedeutet, und wer Isabel Allendes Bücher kennt, kann sich in etwa vorstellen, was es vermutlich sein wird. Dass die Foltermethoden dann aber so genau beschrieben werden, ist neu.

Die Beziehung zwischen Maya und Manuel wird mit der Zeit eine Art Freundschaft, aber sehr langsam, sie entwickelt sich ganz natürlich, mit Höhen und Tiefen und immer vor den Kulturunterschieden, auf die eine Kalifornierin und ein Chilene (oder ein Teenager und ein alter Mann) wohl stoßen müssen, wenn sie in einem kleinen Haus ohne Türen zusammenleben.

„Wenn wir uns streiten, redet er überdeutlich Spanisch, damit ich auch ja alles mitbekomme, und ich schreie ihn in einem fiesen Gang-Slang an, damit er Schiss bekommt.“ (Seite 48)

Durch Manuel hat Maya Zugang zu vielen Häusern in Chiloé, die ihr offen stehen, weil sie nach und nach einfach keine Fremde mehr ist, obwohl ihr der Name Gringuita natürlich bleibt. Immer mehr Dorfbewohner lerne ich kennen und es gibt eine Einführung in die Eigenheiten der Inselbewohner im Einzelnen und im Allgemeinen. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich werden mir mit Blancas Familie vertraut gemacht.

„Die sind gar nicht richtig reich, Maya, sie haben keinen Privatjet“, spottete Manuel, […]“ (Seite 372)

Wobei ich mir immer denke, wenn man reich ist, kann man viel mehr Menschen helfen, als wenn man arm ist, aber das ist nur eine persönliche Überlegung am Rande.

Mayas ganze Geschichte wird langsam in Rückblenden erzählt. Die Vergewaltigung ist genau beschrieben, sodass ich lange nicht mehr einschlafen konnte. Nach meinem Empfinden hätten es ein paar Seiten weniger Las Vegas auch getan. Die Drogengeschichte ist normal und wie in anderen Büchern auch. Das ist etwas, das ich niemals verstehen werde. Wie kann man nur so blöd sein. Wenn man schon ganz unten ist, geht man doch in eine der beiden Richtungen: Entweder sie ruft Zuhause an oder sie wartet, bis sie stirbt. Aber Maya verharrt und überlegt sich Ausreden, warum sie ihre Nini nicht zur Hilfe rufen kann. Maya ist mir also wahrscheinlich unsympathisch, weil ich mich nicht in sie hereinversetzen kann. Oder will.

Maya fügt sich ein in ihre neue Umgebung und bringt einen frischen Wind auf die Insel. Dann verliebt sie sich in einen Daniel. Diese Beziehung ist sehr einseitig beschrieben; nur kurz wird über Daniels Familie geschrieben, auf zwei, drei Seiten wird eine Geschichte erzählt, die eigentlich einen eigenen Roman verdient hätte. Solange Maya ihr Leben nicht alleine auf die Reihe kriegt, sollte sie sich nicht auch noch jemand anderen dazuholen, sonst begibt sie sich ja wieder in Abhängigkeit. Für mich also absolut richtig, dass die beiden am Ende nicht zusammen kommen.

Was auch sehr schwierig für mich ist: Isabel Allendes große Sprache mit einem 19jährigen Mädchen zu verbinden. Normalerweise werden starke Frauen beschrieben, die sich nicht vom Weg abbringen lassen: wenn diese Frauen auch eine starke Ausdruckskraft haben, geht das in Ordnung.

Bei Maya würde diese Sprache nicht passen, sie ist zu jung und zu verrückt dazu. Aber es gibt zwei Mayas. Zum einen die sprechende Maya, die flucht und so weiter –wie es auch in den Dialogen schön herauskommt. Und dann gibt es die schreibende Maya, die in ihr Tagebuch schreibt; mit großen Worten, ausgewählter Weisheit und enormer Ausdruckskraft. Wenn diese beiden Mayas streng getrennt wären, wäre das okay und würde nicht weiter den Fluss beim Lesen stören. Aber es ist andauernd überlappend, man weiß nicht: schreibt sie das, sagt sie das, war es eben einfach so? Dadurch entsteht eine hilflose Maya mit Großmuttersprache und das passt oft nicht zusammen.

Meine Meinung zu dem Buch ist also gespalten. Zum einen ist es eine sehr schöne Chiloé-Geschichte, die sehr stimmig ist, aber zum anderen ist da diese seltsame Vergangenheit, in der einfach unglaubhaft viel passiert ist, und diese ganzen Geschichten, die einer Person passieren, sind auch noch ausführlich beschrieben. Das ganze gibt dem Buch einen unangenehmen Touch und ich kann Isabel Allende  zum ersten Mal nicht einfach so weiterempfehlen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. Mai 2013 von in berühmte Bücher und getaggt mit , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: