Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

Lesen im Studium – Warum es nicht funktioniert


Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne. (Jean Paul)Ich bin ein Mensch, der immer schon gerne gelesen hat. Meine Eltern haben mir zu allen möglichen (Tages)Zeiten vorgelesen, ganz besonders erinnere ich mich an die Zeit, in der wir alle in einem Zimmer auf Matratzen geschlafen haben und Papa uns vor dem Schlafengehen alle möglichen Bücher vorgelesen hat. Es waren nicht nur Kinderbücher, auch zum Beispiel ein Buch, das er in seinem alten Zimmer gefunden hatte: Flipper. Oder die Bücher, die ich selbst mit meinen acht Jahren innerhalb weniger Stunden las: Knickerbockerbande, Sieben Pfoten für Penny, Hanni und Nanni, Pferdebücher – damals gab es noch keinen Harry Potter, wir mussten noch improvisieren! Bilderbücher waren natürlich auch dabei.

Im Laufe der Jahre wurde mir immer weniger vorgelesen und ich musste immer mehr selber lesen – was der Liebe zum Wort keinen Abbruch tat. Mit Harry Potter kamen dann auch die englischen Bücher dazu – eine ganz neue, unendliche Reihe von Geschichten tat sich auf.

Und wenn man Vielleser ist, dann gibt es nichts Naheliegenderes als geisteswissenschaftliche Fächer zu studieren. Da muss man die ganze Zeit nur lesen. Und da war es dann mit der Liebe vorbei. Es gibt nichts Langweiligeres als seitenlange, wissenschaftliche Artikel über ein Thema zu lesen, dass man genausogut in drei Absätzen abhandeln hätte können. vor allem: Bei dem ganzen Blödsinn bleibt keine Zeit mehr, etwas anderes zu lesen! Wem ist das eingefallen (runter mit seinem Kopf!)? Ein Verbrechen!

Wenn man Deutsch studiert (an der Uni heißt das ja eigentlich Germanistik, was natürlich viel besser klingt), liest man natürlich nicht nur über Literatur, man liest auch die klassische Literatur, den Kanon, alles, was irgendwem mal lobenswert erschien.

Zitat-Zwang-Epikur

Dabei muss man schlechte Sachen lesen (wie zum Beispiel Goethes Wahlverwandtschaften) und gute Sachen (wie zum Beispiel Nestroy, Arno Geiger und alles dazwischen). Und trotzdem:

Selbst wenn ich mir nach drei Seiten denke: „Wow, das ist ja cool!“, schaffe ich es nicht, meine Konzentration und Begeisterung lange zu behalten. Und das liegt am Zwang. Jahrelang durfte ich mir frei aussuchen, was ich lese. Sogar am Gymnasium mussten wir nur ein Buch aus einer Liste auswählen, über das wir dann die Semesterarbeit schrieben. Aber jetzt im Studium muss ich die ganze Liste lesen. Und selbst wenn ich mich für einige der Bücher begeistern könnte – ich lese grundsätzlich nicht mit einem Ablaufdatum! Dieses Datum ist natürlich der Prüfungstermin, der unweigerlich näher rückt und bis dahin muss man alle Bücher gelesen haben. Und natürlich schafft man das auch, aber nur mit Disziplin und nicht, weil man will.

Lesen ist immer ein Wollen und niemals ein Sollen.

Warum kapiert das keiner?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. August 2015 von in Die Trisha schreibt.
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