Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

„Ja, ich will“ von Patricia Radda


 

Um Missverständnisse zu vermeiden, wollte ich dir gleich am Anfang mal sagen, was ich will. Hm-hm.

Ich will dich.

Nein, ich will nicht mit dir gehen, ich will mit dir liegenbleiben. Faulenzen, im Bett,  solange, bis wir einfach nicht mehr liegen können.

Ich will mit dir einschlafen und wieder aufwachen.

Ich will mit dir Wichtiges träumen und Unwichtiges versäumen.

Ich will meine Träume leben und deine Träume beleben.

Ich will, dass wir spazieren gehen. Ich will, dass du meine Hand hältst, auch wenn es Sommer ist und viel zu heiß und wäh. Ich will, dass du zu mir kommst und mich umarmst, einfach so.

Ich will, dass du bezahlst, wenn du schon unbedingt essen gehen willst. Zuhause hätts besser geschmeckt, ich sags nur.

Ich will dir beim Schlafen zuschauen, wenn du so komische Geräusche machst, dass ich nicht einschlafen kann.

Ja, ich will mit dir zusammenziehen.

Ja, ich will kochen, aber du solltest es trotzdem lernen.

Ich will, dass du mir nicht dauernd mit einem blutigen Stück totes Viech vor der Nase herumwedelst. Ich sag dir doch auch nicht, dass du weniger Fleisch essen sollst. Ich rechne dir auch nicht jedes Mal vor, wie viele Pestizide und Antibiotika du dir jetzt gerade einverleibt hast. Warum fragst du mich dann nach meinen Eisen- oder Eiweißwerten? Meine Werte sind immer perfekt, im Gegensatz zu deinen. Und was hast du mit den Scheißproteinen? Wusstest du, dass in Fleisch viel weniger Proteine drin sind als im Sperma?

Ja, jetzt bist still. Entweder du überlegst, aus gesundheitlichen Gründen homosexuell zu werden oder es war die Vorfreude. Ich weiß nicht, aber wenigstens bist du still.

Es macht mir nichts aus, dass du mit einem Messer Essiggurkerln aus dem Glas fischst und dann zwei Stunden später mit genau demselben Messer den frischgebackenen Schokokuchen anschneidest. Macht mir nix aus. Weil: ich liebe Essiggurkerln und Schokokuchen und dich! Das sind halt so Kompromisse. Es wär doch fad, wenns perfekt wär.

Ich will, dass du kochen lernst. Ich will nicht nach 16 Stunden Arbeit, Uni, Arbeit nach Hause kommen und das erste, was ich höre ist: „Und… was gibt’s zu essen?“ Es gibt zu essen, was auch immer du nach deinem lächerlichen sechs Stunden Büroschlaf und zwei Stunden Vorlesungsschlaf in der Lage warst zu besorgen, denn es ist ja wohl das logischste auf der Welt, das der Partner, der zuerst nach Hause kommt, auch mit dem Kochen anfängt, weil sonst alle Beteiligten irgendwann verhungern, verdammt!

Tschuldigung. Ich werd immer so sauer, wenn ich hungrig bin.

Nein, ich will keine lustige Statistik hören. Du studierst Jus, nicht ich. Sobald eine Zahl im Anflug ist, mache ich meine Augen zu und hoffe, dass mir die Zahl nicht bis ins Gehirn folgt.

Ja, ich will, dass du staubsaugst, wenn dich der Dreck stört. Ich bin fast blind, was ist deine Entschuldigung?

Ja ich will, dass du weißt, wo in deiner eigenen Wohnung die Glühbirnen sind. Ja, ich will, dass du lernst, dass man eine E14 Birne nicht in eine E27 Fassung schraubt.

Ja ich will, dass du den Mist runtertragst. Im Hof. Der Schwarze.

Horrorszenario: Ich muss für ein paar Wochen zu meinen Eltern, warum auch immer und ich komme zurück: Die Wohnung ist dunkel, weil du das mit den Glühbirnen nicht hinbekommen hast. Ich rufe dich, du antwortest nicht. Ich hole die Taschenlampe und finde dich: Erstickt unter leeren Pizzakartons, weil du zu blöd warst, um die Altpapiertonne zu finden.

Nein, ich will nicht mit dir gehen. Du willst in die falsche Richtung. Und ich will nicht mal in dieselbe Stadt. Eigentlich will ich weg von dir, egal, wo du hinwillst.

Ich will, dass meine Großmutter aufhört zu fragen, was ich diesmal verbockt hab.

Ich will, dass alle Leute, die ich kenne, sofort aufhören, einen neuen Partner für mich zu suchen.

Ich will in der Mitte vom Bett schlafen.

Ich will essen, was ich will und ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen! und : erst wenn ich hungrig bin.

Ich will die Serien anschauen, die mir taugen.

Ich will egoistisch sein.

So wie der ganze Rest der ganzen Scheiß-Welt.

 

Auf mehrfachen Wunsch veröffentliche ich das jetzt. Ich finde, dass es eigentlich ein Text ist, den man sich vorlesen lassen muss, aber hier könnt ihr ihn mal nachlesen. Premiere war Kombüsenslam im Dezember 2015 (seitdem: Minoriten, Ducks, Klagenfurt).

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Februar 2016 von in Die Trisha schreibt und getaggt mit , , , , .
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