Weißes Blatt

Neue Texte von Patricia Radda

Lesebiografie


BücherstapelLesen ist für mich … entdecken

Lesen ist für mich das Entdecken von verschiedenen Welten, neuen Welten, in die ich sonst nie reisen könnte. Lesen ist Fantasie, oder auch: neues Wissen ansammeln. Lesen ist notwendig, um mein Hirn beschäftigt zu halten.

Lesen ist aufwachen, aufmachen und aufstehen – in Gedanken und mitschreien bei Revolutionen. Innerlich, natürlich, wen geht es da draußen schon etwas an? Lesen ist Leben, ist Normalität, Genuss, Entspannung, nach Hause kommen.

Nach Hause kommen.

Mein Papa kommt nach Hause und kommt schließlich zu uns ins Kinderzimmer. Er setzt sich auf mein Bett, an die Wand gelehnt. Schwester 1 kommt aus ihrem Bett in mein Bett geklettert, während Bruder 1 ein Buch holen geht. Manchmal gibt es Streit, weil jeder ein anderes Buch lesen will. Am Ende entscheidet Papa. Er liest Flipper, weil ihn das an seine Kindheit erinnert, und Bücher mit Jahreszeiten und Bauernhöfen und Waldspaziergängen und verschiedenen Käferarten und Englisch drin. Wir kuscheln uns an ihn und er liest vor. Am Ende von jedem Kapitel betteln wir um mehr. Papa liest weiter, doch bald fallen ihm die Augen zu. Dann klettern wir in unsere eigenen Betten und ich wecke Papa auf, damit ich mich hinlegen kann. Manchmal, wenn wir unruhig sind, geht er vor unseren Betten hin und her und singt Schlaflieder.

Aber nicht nur Papa kann vorlesen. Auch Großmütter und Tanten können das, nicht so gut wie er, aber sie bemühen sich.

Im Kindergarten gibt es im Turnsaal einen Bücherflohmarkt. Ich bekomme ein Buch über einen kleinen Dinosaurier mit einer glitzernden Rückenfinne. Seit ich vier Jahre alt bin, kann ich schreiben, aber Lesen klappt erst in der Schule fließend. Dafür dann alles, was ich in die Finger kriege. Jeden Tag, wenn wir im Auto zur Schule fahren, hören wir Hörspiele an. Benjamin Blümchen oder Bibi Blocksberg, Freddy der Esel oder Der Regenbogenfisch. Hunderte Kassetten, die wir von Nachbarn kopiert bekommen.

Sobald jemand ein Buch herumliegen lässt, wird es von mir verschlungen. Manche Leute mögen es nicht, wenn ich ihre Bücher ausborge – klauen nennen sie es. Mama schimpft, wenn ich zu viel lese und zu wenig draußen spiele. Es gibt nur wenige Bücher, die ich nicht in einem Zug durchlese.

Tiergeschichten.

Hauptsächlich lese ich Tiergeschichten. Die Sieben Pfoten für Penny-Reihe von Thomas Brezina. Pferdegeschichten. Federica de Cesco vereint fremde Länder und Pferde, und so komme ich von den Pferdegeschichten weg zu Geschichten über andere Kulturen, wie Die goldenen Dächer von Lhasa oder die Samira-Trilogie über das Leben der Tuareg und Aischa. Ich lese ungestört im Schlafzimmer, wenn alle meine Geschwister irgendwo draußen spielen. Ich lehne mich mit dem Rücken an die Wand oder die Heizung und sitze stundenlang. Die meisten Bücher lese ich innerhalb von wenigen Stunden aus.

Als ich zehn Jahre alt bin, gibt mir meine Großmutter alte Bücher von sich. Winnetou und die Gulla-Reihe. Die Bücher sind alt, kaputt und vergilbt, einzelne Seiten fallen mir entgegen und sie riechen komisch. Gelesen werden sie trotzdem, wenn auch nicht so gerne im Bett. Meine Mutter schenkt mir Das doppelte Lottchen und sie nimmt mich zum ersten Mal mit in eine Bibliothek. Dort bekomme ich jede Woche drei Bücher, dann muss ich sie wieder zurückgeben. Das Konzept mit dem Zurückgeben gefällt mir nicht so gut, aber wenigstens darf ich ich jede Woche neue Geschichten lesen.

Mein Vater findet im Keller seine alten Comics und überlässt sie mir. Lucky Luke, Bessy, Mickey Maus, Asterix – alles meins!

Lieblingsbücher.

Ich bekomme zu allen Geburtstagen nur noch Bücher geschenkt. Darunter sind auch Harry Potter und Anne of Green Gables. Doch diese Bücher interessieren mich lange Zeit nicht. Erst Jahre später hole ich Anne und Harry aus dem Regal, im Sommer, als das Auto kaputt ist und wir nicht in die Bibliothek kommen. Wodurch ich zu der Überzeugung komme, dass Bücher zu mir kommen, wenn ich sie brauchen kann. Uninteressante Bücher können Jahre später zu Lieblingsbüchern werden. Als ich das begriffen habe, gebe ich nie wieder ein Buch weg.

Nur wenige Bücher habe ich nicht gerne gelesen und das waren später Bücher, die wir in der Schule lesen mussten. Viel später, also in die Richtung Kafka, Goethe, Dürrenmatt, Mann. Im Studium habe ich lange Zeit fast gar nichts mehr gelesen, was ich tatsächlich lesen wollte. Mittlerweile studiere ich schon so lange, dass ich es nicht mehr ausgehalten habe und dann Protestlesetage einlege. Wenn ich weiß, dass ich keine Zeit zum Lesen habe, weil ich viele Arbeiten schreiben muss, dann suche ich mir den trashigsten Liebesroman oder den lächerlichsten Fantasyschund und lese zwei Tage durch, egal, was alles auf der To-Do-Liste steht. Je mehr Bücher auf der To-Do-Liste für das Studium stehen, desto mehr wehrt sich mein ganzer Körper dagegen, sie gerne zu lesen.

Lesen wird zur Qual.

Für die Uni und die Prüfungen lese ich am liebsten in Cafés oder in der Bibliothek. Ich kann die anderen beobachten, muss aber gleichzeitig bei meinen eigenen Unterlagen bleiben. Alle lernen, das ist eine gute Umgebung. Privat lese ich am liebsten im Bett. Lernstoffe kann ich nicht im Bett lesen, die sind zu langweilig, da schlafe ich zu leicht ein. Als Ausgleich zu den wissenschaftlichen Texten im Studium lese ich privat am liebsten Fantasy. Auch Jugendromane, die man in einem durchlesen kann, sind oft genau das, was mein Hirn zum Abschalten braucht. In meiner Wohnung sind über sechshundert Bücher in Kisten unter dem Bett gezwängt. Bücher, die ich in meiner Nähe haben will. Manche davon lese ich ein- oder zweimal im Jahr – zumindest stellenweise. Dazu gehört die Harry Potter-Reihe, Howls Moving Castle von Diana Wynn-Jones oder auch die Tintentrilogie von Cornelia Funke. Die meisten Menschen schenken mir keine Bücher mehr, sie schenken mir Büchergutscheine, weil sie sich nicht mehr trauen, mir Bücher zu schenken, da ich so viele habe. Seit einigen Jahren kaufe ich mir E-Books. Sie haben durchaus Vorteile. Sie sind platzsparend. Egal, wie dick sie sind, der E-Book-Reader wird nicht schwerer. Man muss nicht drei verschiedene Bücher mitschleppen, wenn man das Haus verlässt. Man kann die Schriftgröße verändern, sodass man im Bett ohne Brille lesen kann. Und es gibt ein Englischwörterbuch, das extrem hilfreich ist, vor allem bei alten Klassikern, wo oft Worte verwendet werden, die man heutzutage nicht mehr sagt und mir deshalb völlig unbekannt sind.

Magie.Bücherstapel1

Durch das Studium wurde mir bewusst, dass wirklich alles in Büchern steht – egal, ob es irgendwie interessant ist oder nicht. Sehr viel Wissen, aber auch sehr viel Blödsinn wird in wissenschaftliche Texte verpackt. Im Studium sollen wir lernen, herauszufiltern, was nur aufgeplustert wird und was tatsächlich spannend ist. Schülerinnen und Schüler sollen erfahren, dass Literatur ihr Leben nicht schwerer macht, sondern leichter. Dass es schön ist, wenn man das Leben anderer Menschen kennenlernt. Auch, wenn es „nur“ zwischen zwei Buchdeckel gepresst ist.

Ich will, dass meine Schülerinnen und Schüler wissen, dass mit jedem Buch, das gelesen wird, die eigene Welt ein bisschen bunter und voller und größer wird. Dass jedes Buch eine andere Perspektive liefert, und man mit jeder neuen Perspektive einen größeren Überblick hat. Ich will, dass sie wissen, dass Sprache etwas Gutes ist und wenn man mit Sprache umgehen kann und man mit Sprache spielen kann, viele Wege im Leben leichter zu bewältigen sind. Dass sie wichtige Schreiben und Büroarbeit und Alltag viel besser oder sogar mit Leichtigkeit überstehen können, wenn sie die Magie der Fiktion lieben und sich nicht vom grauen Alltag ihr Leben versumpfen lassen. Das wäre mein Wunsch.

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