Mehr Zeit, bitte!


Das Jahr 2018 war in vielerlei Hinsicht eines der furchtbarsten Jahre, die ich je über  mich ergehen lassen musste. Ich hab lange überlegt, ob ich den Blog überhaupt wieder beleben soll. Jetzt mache ich es doch. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Post überhaupt posten soll, weil ehrlich gesagt, es geht euch einfach nichts an.

Aber gut: 2018 war furchtbar.

Ich bin von einem Loch ins nächste gefallen – eigentlich nicht gefallen. Eher hineingestoßen worden. Da gab es Todesfälle, Aftershocks, Break-up, whatever. Es war grauslich. Und immer gleich hintereinander.

Noch nie wurde mein Herz innerhalb von einem Jahr so oft gebrochen.

Einiges traf mich ziemlich unvorbereitet, weil ich meine Mauern in den letzten zehn Jahren anscheinend doch wieder niedergerissen hatte.

Wenn dir drei Leute innerhalb einer Woche sagen, dass du besser zur Therapie solltest, dann verzweifelst du schon deswegen, weil die engsten Leute um dich herum es anscheinend satthaben, dir zuzuhören. Versteht mich nicht falsch: Es ist immer richtig, nach Hilfe zu fragen, wenn man sie braucht. Daran ist nichts falsch oder schwach oder peinlich oder was auch immer irgendwer denkt. Um Hilfe fragen ist wichtig. Und wenn ich Hilfe brauche, dann bitte ich darum. In letzter Zeit fällt mir nur öfter auf, dass Leute mich abschieben wollen, statt mir zuzuhören. Ich rede sehr selten, und fresse eigentlich viel in mich hinein. Und wenn ich dann mal rede, dann explodiert sehr viel sehr schnell aus mir raus und das ist dann eine Menge. Auch für das Gegenüber. Und das tut mir leid. Aber in kleinen Dosen wäre es gar nicht so schlimm. Nur dieses Jahr waren die Dosen ein bissl zu groß und zu knapp hintereinander.

Ich hab es bis jetzt auch immer alleine geschafft. Lasst mir doch ein bisschen mehr Zeit.

Meine Mauern waren zeitweise lebenswichtig, zeitweise sind sie tatsächlich störend. Manchmal hätte ich gerne Menschen in meinem Leben, aber eben so selten, dass ich dazwischen noch genug Luft bekomme. Durch alle schlechten Erlebnisse mit dummen Menschen verschließe ich mich immer mehr. Es bilden sich höhere Mauern, aber durch meinen Mut und schöne Erlebnisse mit anderen Menschen bildet sich stärkere Sehnsucht nach Menschen. So entsteht gleichzeitig ein: „Lasst mich in Ruhe!“ und ein ständiges: „Sag doch noch mehr!“ in meinem Kopf. Es geht dauernd hin und her. Nachdem ich einige Zeit mit Menschen verbringe, bin ich total ausgelaugt und fertig und brauche eigentlich mehrere Tage, um mich zu erholen. Aber die habe ich meistens nicht. Deshalb entwickelte ich Masken. Ich nehme an, bis zu einem gewissen Grad, haben alle Menschen diese Masken. Verschiedene Gesichter für verschiedene Angelegenheiten.

Bei jedem schlimmen Ereignis, jedes Mal, wenn einige Stunden des Tages mit Weinen draufgehen, ist es schwerer, die Maske aufrecht zu erhalten.

Aber da mich recht wenige Leute darauf angesprochen haben, nehme ich doch an, dass meine äußere Maske funktioniert. Manchmal ist sie sehr wacklig, und ein falsches Wort und ich muss nach Hause gehen, weil ich zu weinen anfange. Aber meistens funktioniere ich Abend für Abend ganz gut. Manchmal bin ich überrascht, dass mir so viele Leute glauben, aber das liegt ja nicht an meiner Schauspielkunst, sondern einfach an den Leuten, die mir glauben wollen, nehme ich an. Das ist auch okay. Es ist leichter, eine Maske aufrecht zu erhalten, wenn die Leute so tun, als ob sie mir glauben.

Es gibt Dinge, die gehen nicht so schnell weg. Die emotionalen Löcher graben sich tief ins Herz und es dauert oft jahrelang, bis es wieder halbwegs okay ist. In diesem Jahr war ständig irgendetwas und ich hatte einfach keine Zeit, mich selbst zu heilen. Ich schaffte es oft, einige Dinge einige Tage lang zu verdrängen, was manchmal sehr hilft. Aber grundsätzlich funktioniere ich nicht mehr, wenn ich alles nur in mich reinfresse.

Leider bildet sich in letzter Zeit immer mehr Hass. Auf andere, aber vor allem Hass auf mich selbst. Weil ich immer öfter versage, immer mehr unter Zeitdruck stehe und immer  öfter tagelang nicht funktioniere.

Und wenn ich mich selbst so hasse, wie soll ich dann andere lieben?

Und wenn ich so sehr hasse, wieso überhaupt noch weitermachen? Und dann kommt immer wieder die Überlegung, worauf ich denn warte. Ich warte auf die Hoffnung, dieses gemeine Biest, das immer wieder vorbeischaut- und dann wieder verschwindet. Aber sie ist ja noch nicht ganz weg, also kann man ja auch genauso weitermachen.

Ich hoffe jedes Jahr auf dieselben Dinge. Und langsam kommen meine Wünsche näher – werden greifbarer, nehmen Gestalt an – zumindest die Dinge, die ich verändern kann. Das Problem ist, dass es bei meinen größten Wünschen zu viele Variablen gibt, auf die ich gar keinen Einfluss habe.

Aber natürlich war das Jahr nicht nur schlecht. Es gab schon einige gute Sachen- mir fallen zwar gerade keine Großen ein, aber an einigen Tagen hab ich mich nicht in den Schlaf geweint, wie ich das sonst oft mache. Da waren schöne Kleinigkeiten in Sarajevo, am Meer, in den Bergen, am See, in der Schule. Es ist nicht alles immer schlecht. Auch das ist Hoffnung.


Diese kleinen Sachen reichen vielleicht nicht als Lebensziel, oder als große Hoffnung. Aber sie reichen doch, um von Tag zu Tag zu kommen.

Und immerhin bin ich immer noch da. Wer hätte das vor fünfzehn, neunzehn Jahren gedacht? Ich sicher nicht. Und wenn ich dann zurückdenke, an die letzten zwanzig Jahre, dann war da extrem viel Scheiße, klar. Aber da waren unglaubliche Dinge. Wahnsinnssachen, die ich alle nicht erlebt hätte. Und das wäre doch echt schade gewesen. Reicht dieses Wissen, dass die nächsten zwanzig Jahre im Rückblick auch lebenswert gewesen sein werden, im Moment als Lebensziel aus? Ich glaube, es muss.

In diesem Sinne habe ich Ziele für 2019. Das habe ich noch nie gemacht- mir etwas vorgenommen für die nächste – längere – Zeit. Ich habe Pläne, die ungefähr formuliert sind, nicht mit einer Zeitbegrenzung, aber mit einer Idee, WIE sie umzusetzen sind. Und das ist mehr, als ich je von mir erwartet hab. Und wenn ich dann dranbleibe – ganz egal, wie scheiße die dazugehörigen Menschen sind – an den Dingen dranbleibe, bei denen ich wirklich was tun kann, die tatsächlich von MIR abhängen, dann habe ich zumindest Sachen, an denen ich Schuld bin, wenn sie nicht funktionieren. Aber einige werden ganz gut funktionieren, und deshalb ist es so gut, dass ich das alles selbst in der Hand habe. Weil ich dann auch am Funktionieren Schuld bin.

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